Was ist der »Great Reset«?

Der Begriff des Great Reset geistert durch das Netz und sorgt für viel Furore. Einige wittern bereits eine Verschwörung der Mächtigen gegen das Volk. Corona als Ausrede zur Aushebelung der Demokratie. Wenn man diese Internetstürme schon seit 15 Jahren beobachtet, wird man ruhiger.

Auch schon die Finanzkrise, dann die Eurokrise und die Flüchtlingskrise wurden als solche Komplotte gegen die Bevölkerung inszeniert, jedes Mal hieß es aus gewissen Ecken des Internets, jetzt sei es aus mit der Demokratie! Und die Finanzelite gekoppelt mit willfährigen Politikern habe endgültig gesiegt.

Das Verschwörungsnarrativ ist verführerisch, aber ich halte es für grundlegend unterkomplex. Es übersieht sogar die Tragik unserer Situation. Denn das Schlimme ist, dass die Mächtigen und Wohlhabenden tatsächlich glauben, das Gute und Richtige zu tun.

Es gibt natürlich ein Problem mit der zunehmenden Macht einer weltweit vernetzten Elite, die über immer mehr nicht-demokratisch legitimierte Einflusssphären verfügt.

Aber das Problem besteht nicht darin, dass die Elite diese Macht zu ihren eigenen Zwecken einsetzt, sondern glaubt, den Planeten retten zu müssen.

Wie ich in meinem letzten Aufsatz aufzeige, ist das eine natürliche Tendenz technokratischer Verfassungen. Da wir die nationalstaatlichen Ebenen mehr und mehr durch supranationale und intergouvernementale Institutionen ergänzen, diese aber nicht mit der nötigen demokratischen und rechtsstaatlichen Fundierung ausstatten, bilden sich Schattenregierungen und bürokratische Apparate, die für den einzelnen Bürger unübersichtlich und undurchschaubar arbeiten.

Das ist der Boden, auf dem die Verschwörungstheorien gedeihen.

Aber unser Problem ist nicht die Elite, sondern die Ideen, die ihren Reformprogrammen zugrundeliegen. Anders als die linke Erzählung glauben machen will, möchte sich die globale Elite nicht einfach nur bereichern, sondern glaubt, die Welt retten zu müssen.

Sie hat einen ungeheuren Gestaltungswillen ausgebildet..

Ein gutes Beispiel ist dafür Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums. In seinem letzten Buch mit dem zum Programm gewordenen Titel „The Great Reset“ bedient er alle Metaerzählungen, die den illiberalen Weg kennzeichnen, den ich seit Monaten versuche, mit meiner Arbeit darzustellen.

Schwab glaubt, dass freie Märkte und die freien Entscheidungen der Bürger für die ganz notwendigen Alltagsbedürfnisse gut sind, doch auf der großen Ebene komplexerer Probleme versagten.

Um die Ungleichheit zu beseitigen, den Klimawandel in den Griff zu kriegen, Pandemien in Zukunft zu verhindern und um den Weltfrieden und den Welthandel zu stärken, braucht es nach ihm eine weltweite Neuordnung der Politik.

Die Instrumente dafür sind altbekannt. Es solle mehr in »grüne« Technologien investiert werden, mehr in Bildung, damit die Unterschichten ebenfalls am Wachstums partizipieren und eine bessere Infrastruktur bereitgestellt werden, damit Digitalisierung und Klimaneutralität Hand in Hand gingen.

Das Ideal all dieser Ökomodernisten, wie ich sie nenne, scheint eine Smart Zero Emission City zu sein. Eine Stadt ohne Abfall, sauber und rein.

Die Luft ist gefiltert, der Müll getrennt, jedes Dach trägt Photovoltaik-Anlagen. Eine Vision dieser Ausprägung kann man in Dubai in dem Projekt »The Sustainable City« erblicken. Gerade die Ölscheichs machen vor, wie sich die Ökos eine moderne Stadt vorstellen. An Ironie ist die Realität häufig nicht zu überbieten.

In einem Wüstenstaat hat man natürlich auch genügend Sonne, um mit Photovoltaik einigermaßen über die Runden zu kommen. Ein Auto darf man in der Stadt allerdings nicht fahren. Es gibt eine Art Golfcar als Ersatz und ansonsten das Fahrrad.

Die Stadt bietet gleich auch den ideologischen Untergrund mit. Es gibt Jogakurse, Bioläden, man baut selbst Gemüse an und hilft sich nachbarschaftlich. In egalitaristischer Manier unterscheidet sich kein Haus von dem anderen, denn selbst der Schattenwurf und die Form der Häuser ist für den Energieverbrauch optimiert worden.

Der Traum der sozialdemokratischen, grünen und linken Intellektuellen wird hier endlich wahr: Jeder Bürger ist gleich.

Wir sehen, wie der Ökomodernismus in eine kollektivistische Vision mündet. Die Individualität ist trotz der formal weiter bestehenden persönlichen Rechte extrem eingeschränkt.

Was, wenn mich die Yogakurse langweilen, ich mein Haus anders bauen möchte, als alle anderen? Was, wenn mich das stundenlange Fahrradfahren nervt, nur um in die nächste Stadt zu kommen? Was wenn der Strom einmal nicht reicht, der aus der Sonnenanlage kommt?

Die Ökostadt ist sicher kein 1984. Es handelt sich nicht um einen sowjetischen Polizeistaat, um keine Planwirtschaft im Sinne des alten Kommunismus. Die Ökowirtschaft wird immer eine unvollständige Planwirtschaft bleiben, solange man die Konsummärkte frei walten lässt.

Aber die Faktormärkte werden erheblich staatlich gelenkt, dadurch wird die Energiewirtschaft unrentabel und teuer gemacht und der Lebensstandard des Einzelnen sinkt. Damit verringert sich auch die Selbstständigkeit des Bürgers.

Er ist auf die öffentlichen Güter und die Planung der Technokraten angewiesen. Was diesen wiederum natürlich in die Hände spielt. Sie fühlen sich bestätigt, kann doch der Einzelne gar nicht emissionsfrei leben, wenn nicht das Stadtleben für ihn geplant wird.

Der Ökologismus bringt die Errungenschaften des selbstbestimmten Bürgers in erheblichen Misskredit. Da die Welt nicht dem Plan der Sustainable City aus Dubai folgen kann, allein weil die Erneuerbaren in den meisten Teilen der Erde nicht so effektiv laufen, wie in der Wüste, werden die Planer immer radikaler vorgehen müssen, um ihr Konzept zu rechtfertigen.

Es wird mehr Geld verschlingen, die Wirtschaft mehr abwürgen und den Wohlstand mehr aufzehren, als vorher berechnet.

Es steht uns eine Verringerung der Arbeitsteilung, eine verringerte Weltintegration des Handels und der Wirtschaft, eine verringerte Mobilität und eine enorme Ideologisierung des Alltags bevor. Für die Bürger gibt es wie in einer Sekte nur noch den kompletten Ausstieg aus dem Lebensmodell.

Man kann in der Sustainable City kein von den anderen unabhängiges, selbstbestimmtes Leben führen, den Ökoladen meiden und mit dem SUV das Fahrrad zum Teufel jagen. Die soziale Ächtung dürfte enorm sein.

Alle Großstädte der Welt folgen gerade diesem Vorbild. Lebenswelt und Weltanschauung werden sich koppeln. Freidenker und Freigeister sind unerwünscht.

Der Great Reset bedeutet die absolute Macht der Technokraten. Der Ausnahmezustand in der Corona-Krise gilt als Vorbild für die positiven Wirkungen der exekutiven Macht. Immer wieder erklären Politiker wie Karl Lauterbach, dass die Coronapolitik zum Vorbild für die Klimapolitik dienen solle.

Wenn man nur wolle und die Menschen die Krisen nur ernst genug nähmen, könne man mit exekutiver Gewalt alles erreichen. Es ist der Machbarkeitswahn in neuen Schläuchen, der vorgaukelt, eine starke Regierung könne jedes Leid der Welt einfach per Handstreich aus der Welt schaffen, wenn sie denn nur nicht diese lästigen Fesseln der Verfassung zwischen den Beinen hätte.

Dieses Narrativ läuft nun in den Medien auf und ab. Geistige Opposition regt sich keine mehr. Wir leben in einer Zeit höchst einseitiger Informationsflüsse. Über die dauerhafte Berieselung und Wiederholung bestimmter Ideen, Erzählungen und emotionaler Bilder werden heute die Bürger in eine bestimmte Richtung gedrängt.

Kaum jemand bringt die Zeit auf, diese Narrative und Ideen auf ihre Stimmigkeit hin zu untersuchen. Sie klingen gut, wohlmeinend, humanistisch, aufgeklärt und weltoffen.

Aber sie zerstören die offene Debatte, den selbstbestimmten Bürger und damit den Kern des Liberalismus. Es könnte sein, dass wir gerade erleben, wie die liberale Ära abgelöst wird. An wen das Zepter des Zeitgeistes übergeben wird, ist noch nicht ganz klar.

Aber Mündigkeit, Freiheit, Unabhängigkeit, Kritik, Streit, Diskurs, Eigentum, Wirtschaft, Märkte, Konkurrenz und damit die wesentlichen Kernbausteine des Liberalismus stehen heute allesamt in schlechtem Ruf.

Der Great Reset soll diese Entwicklung beschleunigen. Er ersetzt den Verfassungsstaat durch ein ideologisch aufgeladenes „Primat der Politik“ in allen Lebensbereichen.

Die schlimmste Verlockung für den Menschen ist ein Traumbild, dem er nachjagen kann. Die größte Tragik sind Traumbilder, die in der Realität keine Entsprechung finden. Denn bei dem Versuch, das Paradies auf Erden zu schaffen, wurde schon zu häufig eine neue Form der Hölle erfunden.

Einst war das Traumbild der Kommunismus, heute ist es die »Klimaneutrale Stadt«.

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