Tempo 130: Die Grünen wollen Deutschland ausbremsen

Gestern war es im Bundestag so weit: Die Grünen haben die letzte heilige Kuh geschlachtet, den letzten Stolz des Deutschen, von dem er dachte (auch ich wohlgemerkt, in meiner naiven und reaktionären Denkungsart) sie würde für immer zu uns gehören: die ungebremste linke Spur auf der Autobahn. Da wird es ernst. Das letzte erfreuliche Spektakel des Individualverkehrs sollte gestern im Bundestag abgeschafft werden.

Wäre der Vorschlag angenommen worden, hätten wir von nun an nur noch eine Maximalgeschwindigkeit von 130 km/h ausfahren dürfen. Wie schön, dachte ich mir, waren doch jene Tage, an denen ich mich noch dem Geschwindigkeitsrausch hingeben konnte. Meine Fahrten von Berlin nach München (damals mit besonderem Tempo, denn es ging darum, eine geliebte Person wiederzusehen und Sie wissen doch, wie Liebende sich vermissen) oder lange, durch Bauarbeiten auf der Fahrbahn ohnehin schon ausgebremsten Wochenendtouren zu Freunden nach NRW, sie werden für immer vorbei sein. Ich werde nur noch in einer Art Kaffeefahrt, mit einer Reisegeschwindigkeit von 12 Stunden für 600 Kilometer, meine Ziele erreichen können. Sie haben gesiegt, die kleinen nervtötenden Pandas, Hyundais und Polo-Fahrer, die einem mit ihrer ängstlichen Art, welche es ihnen unmöglich macht, mehr als 120 km/h auf der mittleren Spur zu fahren, den Tag vermiesen. Sie verderben einem die Laune, weil sie genau in dem Moment, in dem es sich nicht mehr vermeiden lässt, weil sich ein überholender LKW vor sie geschoben hat, mit gewagten 130 (sic!) auf die linke Spur fahren und sich ernsthaft anschicken, mit 10 km/h Zusatzgeschwindigkeit, einen Laster zu überholen. Denn was ist die einzig logische Folge? Sie bremsen uns aus, wir, die wir gerade mit 180, 190, oder sagen wir es doch, mit sage und schreibe 220 Sachen auf sie zufahren, weil wir unseren Schwung nutzen und unsere Fahrt genießen wollen. Gerade waren wir guter Stimmung, die Wolken hatten sich verzogen, die Kurve lag hinter uns und nun erhob sich vor uns eine langanhaltende gerade Strecke, die geradezu danach schrie, ausgefahren zu werden. Und dann stellt sich dieser blöde Idiot auf unsere Fahrbahn, obwohl doch allein unser Tempo anzeigt, dass uns diese Spur gehören sollte.

Aus der Erinnerung gerissen, kann ich nicht anders, als zu glauben, dass dieses Gesetz genau gegen mich und meinen Fahrstil gerichtet scheint. Es stört den nervösen Hipster-Vater mit selbst gemachten Frikadellen im Gepäck und Senfresten im Mundwinkel, dass ich da einfach fröhlich hinter ihm drängele und danach erfreut und mit einem Blick der Zufriedenheit, weil er meinem Befehl gehorchte, an ihm vorbeirausche und er genau bemerkt, dass er sich nun an mich anpassen musste, damit ich meinen Spaß habe. Darum geht es hier eigentlich. Der ängstliche, unselbstständige und nervöse Autofahrer will dem erlebnisfreudigen, selbstsicheren und schnelleren seinen Spaß nicht gönnen. Tempokommunismus könnte man es nennen. Denn im Kommunismus sind alle gleich, gleich arm natürlich und im Tempokommunismus auf der Autobahn gleich langsam, schleichend-langsam.

Nie wieder kann man sie mit Lichthupe davonscheuchen, diese Geschwindigkeitsverweigerer, wie eine aufgeschreckte Fliege, die man an der eigenen Fliegenklatsche schnuppern lässt. Nie wieder kann man es spüren, das erhebende Gefühl, das sich einstellt, sobald man das verdatterte Gesicht eines rasterlockenbehangenen Käsegesichts mit dem Gaspedal hinter sich lässt und mit einem Lachen dem Horizont, dieser glühenden Sonne am Ende der Autobahn, entgegenrast. Nie wieder das Adrenalin, das einen überströmt, sobald man die 200 km/h Grenze geknackt und den alten VW-Golf der Eltern an seine Leistungsspitzen getrieben hat. In diesen Stunden und Minuten des absoluten Geschwindigkeitsglücks scheint alles möglich zu sein. Es gibt wenige Momente im Leben, in denen man seine Bewegungsfreiheit so klar mit den Händen und natürlich vor allem mit dem Fuß auf dem Gaspedal spüren kann. Es ist eine Freiheit, die bedeutet, überall sein zu können. In fünf Stunden in München? Kein Problem. In vier Stunden in Köln? Wär doch gelacht. Und es ist eben ein Unterschied, ob ich diese Strecke passiv im Zug sitzend oder aktiv mit dem Auto und damit in einem Kampf mit der Natur überwindend, erlebe. Das eine ist nicht durch das andere zu ersetzen. Keine Gruppenfahrt kann die mühevolle Reise, das geschulte karthographische Denken, die große Strategie des gelungenen Überholens ersetzen, die nur das Auto auf der deutschen Autobahn bieten kann. Dazu winden sich diese großen Straßen, diese majestätischen Anlagen des landschaftsarchitektonischen Glanzes deutscher Wertarbeit, vor den eigenen Augen zu langen Schlangenlinien, in denen sich die Farben bei hoher Geschwindigkeit zu mischen beginnen und die das Land durchziehen, als seien sie Schneisen des eigenen Glücks durch einen Dschungel aus Widerständen. Die deutsche Autobahn ist ein Weltereignis, eine große existenzielle Erfahrung ohne Vergleich und ohne Tadel. Und genau aus diesem Grund, weil sie voller Schönheit, Grazie und Erfindungsdrang strotzt, wollen die Grünen sie uns wegnehmen. So einfach ist das. Da steckt keine große Ideologie dahinter. Die Freiheit der Bewegung soll sozialisiert werden, meine Selbstständigkeit und damit mein Abenteuer. Was werde ich bei meiner Ankunft noch zu erzählen haben, wenn ich nie wieder von Staus berichten kann, die ich früh umfahren konnte, dann aber den Schicksalsschlag einer von meinem Navigationsgerät nicht registrierten und daher nicht gemiedenen Baustelle erleben musste? Nie wieder stünde nun das Gespräch mit der Geliebten an, in dem das Glück des Wiedersehens in eine weitere Ferne rückt? Nie wieder das gemeinsame Hoffen und Bangen, wann man das Ungetüm „Verkehr“, das sich zwischen uns stellt, endlich werde überwinden können. Nie wieder gehauchte Sehnsucht, die durch die Ohrschüssel an mein Ohr wehte und: „Ich warte auf dich!“, lauten könnte.

Bei den Grünen darf man einfach keinen Spaß mehr haben. Schon jetzt haben sie wichtige partielle Siege bei diesem Ziel zu erringen gewusst. Die Baustellen auf unseren Autobahnen werden durch Auflagen und Arbeitnehmerschutz so verlangsamt, dass man auf der A2 von Berlin nach Düsseldorf das Gefühl hat, die Baustelle sei die eigentliche Autobahn mit kurzen ausnahmsweise genehmigten Passagen freier Fahrt. Nach ein bis zwei Touren kann man die Arbeiter beim Vornamen begrüßen, die dort schuften, aber doch nicht vorankommen dürfen. Vielleicht sind sie so nett, während man selbst im Stau steht, uns ein Sandwich von der nächsten Raststätte mitzubringen. Denn arbeiten sollen sie sowieso nicht. Denn sobald die Baustelle wegfiele, gäbe es keinen Grund mehr, die Spuren zu verengen und schon 20 Kilometer, bevor auch nur ein einziger Bauarbeiter zu sehen ist, den bösen dieselverseuchten Individualverkehr auf die optimale Reisegeschwindigkeit von 80 km/h herunterzuregulieren.

Auch in den Städten haben die Grünen schon gesiegt. In Berlin ist durch Umweltzonen und eine heimtückische Ampelschaltung, die genau weiß, dass ich es ohne Geschwindigkeitsübertretung von mindestens 30 km/h nie und nimmer in einer Ampelphase über die Kreuzung schaffe, an eine flüssige Autofahrt gar nicht mehr zu denken. Das Autofahren wird einem mit Absicht so verleidet, dass man zum Fahrrad greift. So die Theorie. Dabei fahren die Berliner einfach nur genervter weiterhin mit ihren viertürigen Monster-SUVs. Aber wahrscheinlich habe ich den tieferen Sinn dieser Maßnahmen nicht begriffen, die einmal mehr in der Verbesserung unserer Gesundheit zu suchen sind. Denn das viele Stop-and-Go ist ohne Zweifel eines der besten Wadentrainings, das ich kenne – leider nur für das rechte Bein. Ob das versteckter Wadentrainingsfaschismus der Grünen ist?

Trotz allem also, trotz geistiger und verkehrstechnisch perfider Vorbereitung, ist das geplante Vorhaben zur Autobahnentschleunigung noch einmal abgewendet worden. Zum Glück! Aber Cem Özdemir fasste die geistige Haltung in Deutschland passend zusammen, als er sagte, dass die Frage der Einführung eines Tempolimits nur eine Frage der Zeit sei. Was also, wenn Robert Habeck bald Kanzler ist? Schwere Sorgen grämen mein Gesicht in diesen wechselvollen Herbsttagen.

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