„Skylight“ im Schillertheater – ein Sittenbild der modernen Patchworkliebe

Skylight. Vor einigen Wochen saß ich wieder einmal im Schillertheater. Es ist ein nettes, recht großzügiges Theater am windigen und mittlerweile zur reinen Baustelle verkommenen Ernst-Reuter-Platz in Berlin. Vor der Wende war das Schillertheater der Stolz von Westberlin, so erzählt es mir meine Mutter immer mit glühenden Augen.

Ein ganzes Ensemble war hier beschäftigt. Die Kulturmenschen gingen hier ein und aus. Heute ist das Schillertheater stillgelegt und die Gelder sind gekürzt. Es ist nur noch ein sogenanntes Ausweichtheater.

Aber nichtsdestotrotz gibt es hier immer wieder ansehnliche Stücke zu sehen. Diesmal das Beziehungsdrama „Skylight“ vom Star-Autor David Hare, der ebenfalls das Drehbuch zu dem Film „Der Vorleser“, mit David Kross und Kate Winslet, schrieb.

Die Geschichte von Skylight ist jedoch etwas verworren. Eine Frau in ihren 30ern wird von ihrem früheren, zwanzig Jahre älteren Liebhaber besucht. Sie hat früher für ihn in einem seiner Restaurants als Managerin gearbeitet. Sie haben zusammen gutes Geld verdient.

Sie scheint sogar bei ihm gewohnt zu haben. Mit seiner Frau verstand sie sich, trotz der Affäre, gut. Aber eines Tages kommt die Affäre ans Licht, sie verlässt das Haus noch am nächsten Tag und kommt nicht mehr zurück.

Sie arbeitet jetzt als Lehrerin an einer Grundschule für, man könnte sagen, integrationsbedürftige Kinder. Sie hat ihren Lifestyle, wie es heute so schön heißt, um 180 Grad gedreht. Sie ist jetzt an Geld und Aufstieg nicht mehr interessiert.

Sie möchte nur noch Gutes tun. Sie möchte einen Beitrag leisten, die Ungerechtigkeiten in Großbritannien, die zwischen den Schichten herrschen, zu beenden.

Mit dieser Ausgangslage wird man in das Stück geworfen. Die frühere Handlung wird im Begleitheft kurz erklärt, aber im Stück selbst ist diese Vorkenntnis vorausgesetzt. Man muss also mitdenken.

Es ist Abend. Die Protagonistin kommt in schludrigen Jeans und einem einfachen Pullover von der Arbeit nach Hause und will sich eigentlich nur ein Bad einlassen. Sie verschwindet deshalb im anliegenden Badezimmer der nur notdürftig mit Palettenmobiliar bestückten Ein-Zimmer-Wohnung.

Da können wir als Zuschauer erhaschen, wie ein junger Mann im Tramper-Outfit durch die offene Tür eintritt und sich verlegen und neugierig in der Wohnung umschaut. Als er gerade wieder gehen will, um sich ordentlich per Klingel anzumelden, kommt Kyra (Henriette Richter-Röhl) aus dem Badezimmer und erschrickt über den Eindringling.

Es wird nach kurzer Verwirrung und lautem Geschrei Kyras klar, dass die beiden sich kennen. Es handelt sich bei dem Jungen um Edward (Louis Held), den Sohn des früheren Liebhabers von Kyra.

Man würde erwarten, dass sich ihr Ärger über sein unangemeldetes und unbeholfenes Erscheinen nun legen und vielleicht eine sanfte und nette Begrüßung ihrerseits erfolgen sollte.

Doch das entspricht nicht dem Bild der modernen Frau, wie sie uns Hare darstellt. Kyra bleibt im Ton ablehnend und schroff. Sie stampft bei jedem Schritt, den sie macht, derart stark auf, dass man glaubt, sie habe Bleifüße.

Der Zuschauer bekommt also mit: „Ah, die ist wütend“. Nur worauf sie wütend ist, bleibt uns das Stück erst einmal schuldig. Sollte nicht, im Sinne moderner Patchworkfamilien die Zuneigung zum Quasizögling größer sein?

Seine Zuneigung zu ihr scheint jedenfalls über reine Quasi-Mutterliebe hinauszugehen, außer man interpretiert seine Flirtversuche freudianisch als Ödipuskomplex. Aber zurück zur Handlung: Edward möchte Kyra dazu bringen, mit seinem Vater zu sprechen, weil es ihm „mies ginge“.

Er würde die Trauer nicht richtig verarbeiten, könne mit niemandem darüber sprechen. Kyra ist, ihrer Grundhaltung zum Leben gemäß, nicht begeistert.

Sie wiegelt den heimgekehrten Sohn ab und sagt ihm nur zu einem morgigen gemeinsamen Frühstück zu. Ende der ersten Szene. Nun kann Kyra in aller Ruhe baden. Als sie sich anzieht, klingelt es schon wieder an der Tür.

Diesmal jedoch, oh Wunder, ist es der frühere Liebhaber Tom (Dominik Raake) selbst, der sich in die schmuddelige Gegend der kyraschen Selbstfindung verirrt hat. Sofort merkt man, da ist noch etwas in der Luft. Doch was ist da: Liebe, Anziehung, Vorwürfe?

Er sagt ihr, er habe Angst, dass sie ihn hassen würde, nicht mit ihm reden wolle. Was genau hat er ihr denn angetan? Diese Frage schwebt über den Dialogen, wird aber über zum Teil quälende anderthalb Stunden nicht beantwortet.

Erst muss Tom von Kyras neuem Lebensstil überzeugt werden. Hier treffen Konservatismus und Sozialdemokratie aufeinander. Er versteht nicht, warum eine junge Frau, die auch nach dem Ende ihrer Anstellung bei ihm locker wieder in leitender Position hätte arbeiten können, sich einer solchen Selbstgeißelung unterzieht.

Das Zimmer ist kalt, karg bestückt und schreit vor Einsamkeit. Es kommen nach Kyras Aussage kaum Freunde vorbei, sie hat nur eine Frauenrunde, wie sie später erzählt, in der sie bei einer günstigen Flasche Wein „einfach nur reden könnten“. Hat sie es gefunden, das einfache Glück unter den einfachen Leuten?

Hier wirkt das Stück als stark verklärter sozialistischer Realismus, der von reichen Snobs aus der Londoner City über das angeblich ärmere aber von inneren Werten strotzende Leben in Armut erzählt wird.

Es erinnert mich an Plakate unter der Mao-Ära, in der nur glückliche Reisbauern gezeigt wurden, die freudestrahlend ihre nächste 18-Stunden-Schicht für die Kulturrevolution leisteten. Kyra habe hier ganz andere Wertvorstellungen gefunden, erzählt sie weiter.

Diese Leute seien noch ehrlich und gut und kämpften jeden Tag um ihr Leben. Gleichzeitig erzählt sie, dass sie täglich in der Schule von einigen Jungs bespuckt und beleidigt wird. Ist der Speichel der Unterschicht auch von höherem moralischem Wert?

Sie scheinen sich anzunähern. Tom hört ihr zu und will verstehen, warum sie sich für dieses Leben entschieden hat. Sie sei glücklich, sagt sie. Doch komischerweise passen Körpersprache und Mimik nicht zu diesen Dialogpassagen.

Wie eine von ihrer Arbeit glücklich beseelte Sozialarbeiterin sieht Kyra nicht aus. Verbitterung und Isolation haften an ihrem Gesicht und strafen ihre Sozialromantik Lügen. Aber einen Schüler zumindest habe sie, den sie retten könne.

Er sei wirklich begabt, würde ihre Nachhilfestunden annehmen, käme aus schwierigen Verhältnissen. An diesem Fall halte sie sich fest. Einen Menschen zu retten, sei wie die ganze Welt zu retten. Eine alte Weisheit aus Talmud und Koran, die hier von David Hare anzitiert wird.

Doch es kommt zum Streit, als Kyra erfährt, dass Tom doch tatsächlich seinen Fahrer die ganze Zeit hat vor der Tür warten lassen. Dabei ist es doch Winter und es hat gerade angefangen zu schneien? Tom antwortet sarkastisch: „In meinem Mercedes hat er es wärmer, als wir hier oben.“

Das kann Kyra nicht akzeptieren. Er muss erst seinen Fahrer fortschicken, bevor sie Liebe machen können. Dann aber umso heftiger. Sie verbringen die Nacht zusammen. Für den Zuschauer kommt die Anziehung etwas übersprungsartig und gleichzeitig äußerst vorhersehbar daher.

Am nächsten Morgen zieht sie sich zuerst an und es ist klar, jetzt steht das Gespräch der Wahrheit an. Gibt es noch eine Zukunft für die beiden oder war es nur die eine Nacht des Rückfalls?

Tom will nun endlich wissen, warum sie eigentlich wütend auf ihn sei und warum sie sich nicht gemeldet hätte, einfach verschwunden war, nachdem ihre Affäre aufflog? Das will der Zuschauer auch endlich erfahren, den die Unwissenheit langsam annervt.

Die Antworten werden nur kryptisch gegeben. Tom wollte die Ehe zu seiner Frau beenden, Kyra wollte das nicht, sie fühlte sich in der Dreierkonstellation angeblich wohl. Es war ihr gemeinsames Geheimnis, das sie nicht verraten wissen wollte.

Genau das wirft sie aber Tom vor, weil er einen Liebesbrief von ihr eines Abends einfach in der Küche liegen ließ, so dass die Ehefrau es sehen musste. Er sagt, es war Unachtsamkeit, sie hingegen, es sei Absicht gewesen.

Kyra verlässt daraufhin das Haus, Toms Frau erkrankt an Krebs. Er kann ihr Leid nicht mit ansehen, baut ihr ein Zimmer, in dem sie den ganzen Tag in den wunderbaren Garten schauen kann. Sie verzeiht ihm, aber er hat weiter ein schlechtes Gewissen. Stürzt sich in die Arbeit, ist fast erlöst, als der Tod der Ehefrau schließlich eintritt.

Tom muss jedoch einsehen, dass Kyra nicht mit ihm in einen neuen Lebensabschnitt eintreten will. Sie wollte es damals nicht und heute auch nicht. Als Zuschauer fragt man sich, ob man dieses Ende nicht auch schneller und einfacher hätte haben können.

Am späteren Vormittag kommt, wie versprochen, noch der Sohn Edward zu Besuch und sie machen sich ein fröhliches Frühstück zu zweit, bei dem nicht ganz klar wird, ob Kyra nun auf die Avancen des Sohnes eingeht oder nicht.

Schauspielerisch kann nur Dominik Raake als Tom überzeugen, der den von inneren Gewissensbissen gequälten Manager und Lebemann überzeugend darstellt und die bissigen und schnellen sprachlichen Schlagabtausche mit Kyra häufig für sich entscheidet.

Nicht aufgrund der Textgrundlage, sondern aufgrund der größeren Bühnenpräsenz, Lockerheit und Vielfältigkeit im Spiel. Schwach und blass, geradezu hilflos auf der großen Bühne wirkt hingegen leider die Hauptdarstellerin Henriette Richter-Röhl.

Sei es der erste Wechsel vom Fernsehen auf die Theaterbühne, seien es widersprüchliche Regieangaben oder die Unklarheiten der Figur in David Hares Stück: All dies mündet darin, dass Frau Richter-Röhl keinen Zugang zu ihrer Figur findet.

Sie überspielt den Weltenretteraktivismus ihrer Rolle derart, dass man sich bald im Amateurtheater wähnt. Ihre Wortbetonung ist zu stark, es gibt keine Charakterentwicklung im Stück, sie lässt keine wirklich schwachen Momente zu und dadurch können sich auch die Gefühle von Kyra nicht auf den Zuschauer übertragen.

Sie bleibt eine reine Projektionsfläche feministischer Emanzipationsträume. Denn die Lösung ihres Männerproblems besteht in entsagungsvoller Einsamkeit und einer netten Frauenrunde. Das mag im Stück funktionieren, im wahren Leben wird das wohl die Ausnahme bleiben.

Der junge Louis Held spielt den Sohn Edward hemdsärmelig und bleibt Sympathieträger des Stücks, aber durch die kurzen Auftritte und wenigen Sätze auch nur Stichwortgeber für Richter-Röhl. Er kann dadurch sein Können nicht weiter unter Beweis stellen.

Alles in allem kann das Stück seine Gesellschaftskritik nicht einlösen und hätte für mehr Klarheit in der Motivationslage der Figuren sorgen müssen. Dem Zuschauer wird zu viel an Interpretationsspielraum gelassen. Wollte Tom seine Frau wirklich für Kyra verlassen oder behauptet er es nur? Wollte sie je mit ihm zusammen sein oder wollte sie nur die Affäre?

Sah sie in Toms Frau eine Art Ersatzmutter, was immer wieder angedeutet wird, durch Passagen, in denen sie von der Geborgenheit der Familie berichtet, nach der sie immer gesucht hätte?

Aber wie kann man sich in einer Familie wohlfühlen, in der Affären und Lügen, Verstellungen und Untreue an der Tagesordnung stehen? All das bleibt unklar und macht „Skylight“ zwar zu einem weltanschaulich erbaulichen, aber nicht vollends befriedigenden Stück.

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