Sind Talent und Fleiß gerechte Grundlagen für Erfolg?

Gegner der heutigen marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung finden es ungerecht, dass Talent und Fleiß über den Erfolg eines Menschen entscheiden, denn das eigene Talent hat sich niemand durch Leistung verdient. Er bekommt diese Ausstattung für das Leben einfach geschenkt. Seine Gene sind das Vermächtnis einer Evolution von Jahrmillionen und noch heute soll über das Wohl oder Weh einer Person diese Zufallskomponente entscheiden? Ist das nicht ungerecht? Die liberalen Verfechter vertreten doch sonst immer, dass Wohlstand sich erarbeitet und im Schweiße seines Angesichts verdient werden muss? Was sie dabei verschweigen ist, dass die liberale Gesellschaft den größten Startunterschied niemals ausgleicht, so die Vertreter des Arguments. Versuchen wir diese Argumentation im Weiteren so stark wie möglich zu machen, um nicht nur eine Strohmannargumentation zu treffen. Denn es lohnt sich, diese Position in ihrer vollen Blüte zu betrachten.

Im Umkehrschluss hieße das, verneinte man die Rechtmäßigkeit von talentbasierten Erfolgen, alle Einkommen und Vermögen, zumindest jenen Anteil, der sich auf das angeborene Geschenk der Begabung zurückführen ließe, für illegitimen Besitz zu erklären. Beziehungsweise es könnten die nicht durch ein solches Talent Gesegneten jedem Erfolgreichen seine Gewinne streitig machen. Daher fordern auch viele Vertreter dieser Position, dass jener Anteil – zumindest im Idealfall – gleich über alle weniger Begabten verteilt werden sollte. Wer nun glaubt, diese Figur scheitere schon allein an der Umsetzung, der irrt. Denn trotz vieler technischer Einwände wie der Folgenden halten die Befürworter an ihren Thesen fest:

  • Wie genau will man eigentlich jenen Anteil am Einkommen oder Vermögen bestimmen, der rein durch Talent und daher gesellschaftlich umzuverteilen sei?
  • Was genau soll es heißen, eine dann „gleiche Verteilung“ der Gewinne herzustellen?
  • Wie bestimmt man, wer weniger begabt ist?
  • Darf man zwischen den Empfängern der Umverteilung auch nach Begabung differenzieren (wer noch weniger Begabung besitzt, bekommt mehr); Quasi ein Wettbewerb der Begabungslosigkeit?
  • Macht man das alles allein am Einkommen fest, manifestiert sich eine Begabung nur im Einkommen?
  • Was ist mit Begabungen, die sich noch nicht realisiert haben?
  • Was ist mit faulen Zeitgenossen? Diese könnten sich ja immer auf dem Argument ausruhen, dass andere eben begabter geboren worden seien, und sie deshalb gar keine faire Chance hatten?
  • Wie misst man überhaupt die Größe einer Begabung?

Doch all diese Fragen und Schwierigkeiten betreffen nur die Umsetzung der Gleichheitsforderung. Sie stoßen nicht auf den moralischen Anspruchskern vor. Die Vertreter eines solchen Talentegalitarismus könnten sich auf die Position zurückziehen, dass ihre Forderungen mit den heute zur Verfügung stehenden Methoden nicht verwirklichbar seien. Ihre moralischen Forderungen blieben aber bestehen. Oder sie würden einwenden, dass man zwar keine perfekte Verteilung erreichen könne, jedoch eine in ihrem Sinne weitaus gerechtere als ohne Eingriff.

Deshalb will ich versuchen, diese Idee des »Glücksutilitarismus« (wie man ihn auch nennen könnte) grundlegender zu widerlegen. Denn die Idee einer solchen Umverteilung aufgrund ungleicher Talentverteilung verwickelt sich in mehrere Widersprüchlichkeiten und kann sich nur halten, weil sie auf den ersten Blick gerade für junge Leute einleuchtend wirkt und starke intuitive moralische Gefühle in uns auslöst.

Mir scheint zum ersten, dass der Glücksutilitarismus voraussetzt, dass Talente etwas seien, dass einfach wie ein Rohstoff vorhanden ist, den man nur anzapfen müsse. Wie bei einem Ölfeld unter der Erde müsse man nur eine Leitung legen und hielte pures Gold in Händen. Dieses Talent-Öl ließe sich dann auch einfach auf dem Markt verkaufen und erzeugte damit automatisch Gewinn und Erfolg. Das wenige Pumpen, das notwendig sei, um das Öl zu fördern, würde dann in der Folge von liberalen Denkern als großartige Leistung des Einzelnen verschrien, wo doch in Wahrheit der Erfolg schon vor der Anstrengung feststand. Leistung und Anstrengung seien die hilfreichen Mauern hinter denen sich die gutbegüterte Oberschicht der Begabten verstecke, um nichts von ihrem Erfolg abgeben zu müssen. Ein potemkinsches Dorf, das nur für die tauben Massen aufrechterhalten werde, damit man diesen vorwerfen könne, an ihrem Unglück seien nur sie selbst schuld. So kämen sie nämlich niemals auf die Idee, dass sie es gar nicht schaffen können, aufzusteigen, wie das Credo der Liberalen ständig lautet. Wer kein Talent hat, kann sich abstrampeln wie er will, er wird niemals nach oben kommen. Er wird versagen und sich selbst Vorwürfe machen.

Aber ist es wirklich so einfach? Abgesehen von den Ad-hominem-Vorwürfen, die stets bei diesem Thema aufkommen, müssen wir uns auf die einzelnen Unterthesen fokussieren. Ich meine, dass schon das Bild, welches diese Theorie von Talenten zeichnet, falsch ist.

Talente sind keine einfachen Zapfmaschinen. Sie lassen sich auch nicht beliebig dosieren und einfach in Erfolg ummünzen. Talente sind vielmehr Potenziale, die in uns liegen, die bestimmen, wie weit wir durch eigene Anstrengung innerhalb des Lebens überhaupt wachsen können.

Nehmen wir Dinge wie unsere Abstraktions-, Sprach- und Denkfähigkeiten, des weiteren unsere sportlichen Anlagen, unsere musische Begabung, unsere Sozialkompetenz – all das lässt sich relativ gut messen. Hier stehen wir auf vergleichsweise sicherem naturwissenschaftlichen Grund. Alle diese Talente entscheiden sicher in einem großen Ausmaß darüber, welche Karrieren für uns in Frage kommen, in welche Richtung wir uns entwickeln und wie weit wir dabei kommen können. Das Potenzial muss allerdings entfaltet werden. Dazu braucht es Übung, Erfahrung, Anleitung, Herausforderung, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und Fleiß.

Selbst der begabteste Mensch kann aufgrund des Fehlens einer dieser Kompetenzen keinen Erfolg haben. Und wir haben auch die sozialen Aspekte des Erfolgs hier vollständig ausgeblendet. Das Aufbauen eines Netzwerkes, die Fähigkeit mit unterschiedlichsten Menschen in Kontakt zu kommen und sie für sich zu gewinnen, das Leiten von Teams als auch die Anerkennung von Fachkompetenz und Autorität anderer Personen, all das gehört zu erfolgreichen Karrieren ebenfalls dazu. Und selbst dann, wenn ein Talent von all diesen Fähigkeiten begleitet wird, stellt sich der Erfolg nicht automatisch ein. Das Verhältnis aus Talent und Erfolg wird durch den Glücksutilitarismus zum Zwecke seiner moralischen Forderungen allzu sehr vereinfacht.

Viele äußerst talentierte Menschen sind nicht erfolgreich, und viele, von denen man sagen würde, dass sie nicht überdurchschnittlich begabt sind, in dem, was sie tun, können großen Erfolg haben. Wie passt das zusammen? Das liegt an unserer Wirtschaftsform. Die Marktwirtschaft belohnt seine Teilnehmer nicht einfach nach Talent und Fleiß, sondern nach der Fähigkeit, Kundenbedürfnisse zu bedienen. Das heißt, neben der Zufallskomponente Talent gibt es in der Marktwirtschaft noch viele weitere Unsicherheiten, die sich nicht vollständig durch Talent und Fleiß ausgleichen lassen. Bin ich gerade zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit dem richtigen Produkt? Das kann aus vielerlei Gründen und eigentlich ohne eigenes Verschulden, schiefgehen. Auch muss man sagen, dass man nicht umfassend talentiert, gebildet und genetisch für Erfolg vorprogrammiert zu sein braucht, um in der Marktwirtschaft ein gutes Einkommen zu erzielen. Gerade die Marktwirtschaft hat durch ihre breite Streuung von Gewinnen einen ohnehin stark egalisierenden Effekt. Auch ein Bürger mit Hauptschulabschluss kann, wenn er bspw. Führungsqualitäten besitzt, ein äußerst erfolgreicher Unternehmer oder Politiker werden. Es braucht daher nicht viel Talent, um etwas in einer offenen Gesellschaft zu erreichen, sondern vielmehr eine gewisse Findigkeit, Anpassungsfähigkeit und ein Gespür für Menschen und Produkte. Wer das besitzt, muss kein mimetisches Gedächtnis haben, kein Mathematik-Genie und kein von seinen Genen zum Sportler berufener Mensch sein.

Die übrig bleibende Zufallskomponente der Marktwirtschaft aufgrund von Auf- und Abschwüngen, falscher Einschätzung der Zukunft, unvorhergesehene Ereignisse usw. sind tatsächlich die besten Argumente für einen Sozialstaat. Allerdings eben nicht für einen, der einfach nur umverteilt, weil der Erfolg ungerecht sei, sondern einer, der denjenigen, welche vorerst gescheitert sind, wieder neue Chancen eröffnet und sie in ihren Krisenzeiten nicht allein lässt. Denn gehen wir noch einmal zurück: wenn wir den Erfolg bestrafen, allein aus dem Grund, weil eine genetische Komponente dabei eine Rolle spielte, dann setzen wir Anreize dafür, dass nichts mehr geleistet wird. Denn auch wenn jemand vielleicht das Potenzial hat, etwas zu erreichen, braucht es immer noch den Willen, es auch zu tun.

Es braucht darüber hinaus auch etwas ganz Individuelles. Einen besonderen Einfall, eine kreative Idee, den Mut, es zu wagen und gegen den Widerstand und den Unmut anderer durchzusetzen. Es brächte uns daher wenig, Gewinne auf dem Markt sofort zu nivellieren. Wir wollen doch, dass es möglichst viel Wohlstand für alle gibt? Daher müssen die Anreize erhalten bleiben, etwas aus dem eigenen Talent machen zu wollen. Auch wenn Anteile der Entscheidungen, die zum Erfolg führen, eine Zufallskomponente haben, wollen wir, auf die Gesamtgesellschaft betrachtet, dass jemand für die Handlungen, die nicht nachhaltig sind oder welche die Wirklichkeit weniger gut antizipiert haben, eine negative Rückmeldung erhalten, damit die Gesellschaft sich in Richtung Effizienz und höherer Qualität fortentwickelt.

Nehmen wir eine Unternehmensentscheidung: Zwei gleich starke, gleich gut finanziell ausgestattete, gleich kluge Unternehmer stehen vor der Wahl, sich zwischen zwei neuen Technologien zu entscheiden. Es ist noch ungewiss, welche sich am Markt besser durchsetzen wird. Beide Technologien haben zum heutigen Zeitpunkt ihre Vor- und Nachteile. Nun setzt sich aber auf lange Sicht nur eine von ihnen durch. Nun wird ein Unternehmer von beiden, obwohl er im Prinzip nichts falsch gemacht hat, bestraft, mit zurückgehenden Gewinnen, höheren Kosten für die Umstrukturierung auf die bessere Technik usw. Vielleicht wird er sogar aus dem Markt gedrängt. Aber auf die gesamte Wirtschaft gesehen, ist es richtig, dass jene Zweige untergehen, welche nicht mehr zeitgemäß sind. Würden wir den Unterschied sofort ausgleichen, würden wir die Anreize zerstören, sich an den Wandel der Zeit anzupassen. Wir können absolute Armut abfedern, aus Gründen der Menschlichkeit, nicht aber den Strom der Zeit aufhalten, ohne unsere Gesellschaftsform als Ganzes aufzugeben.

In diesem Themenkomplex stellen sich durch die Globalisierung und die Digitalisierung neue Fragen der Gestaltung des Sozialstaats, nicht jedoch des Verhältnisses von Leistung und Eigentum in der Marktwirtschaft. Eigentum bedeutet, den Zufall der eigenen Existenz zu akzeptieren, den einzelnen Menschen zu erlauben, sie selbst zu sein. Wir sind nun einmal jene zufällige Genkombination, die wir sind. Es ist ein ursächlich menschliches Bedürfnis, diese Identität ausleben zu dürfen. Die Glücksegalitaristen übersehen dabei, dass jeder nicht nur zwischen seinen Talenten wählen kann, welche er entfaltet und welche nicht, sondern auch, welche Charaktereigenschaften er mehr zur Ausprägung kommen lassen möchte und welche weniger. Durch Selbstbeherrschung oder ein gestärktes Selbstbewusstsein haben wir es in der Hand, unser genetisches Potenzial ganz unterschiedlich zu nutzen.

Die starre Festlegung des Menschen auf Talente und damit verbundenem Erfolg oder Misserfolg, gute Genetik oder schlechte Genetik, greift daher viel zu kurz. Was in dem einen Moment wie eine schlechte Genetik aussieht, kann sich in einem anderen als herausragende Genetik erweisen. Winston Churchill bspw. war Zeit seines Lebens krank und schwächlich, war beim Militär nicht zu gebrauchen und spielte daher im verborgenen Zimmer mit Zinnsoldaten die großen Schlachten der Vergangenheit nach, die er selbst niemals im Feld bestanden hätte. Seine eigenen Eltern hielten ihn lange Zeit für einen Versager.

Doch seine Zurückgezogenheit, seine Eigenständigkeit, seine Kompromisslosigkeit und sein Ehrgeiz verbanden sich während des zweiten Weltkrieges zu einer historisch wichtigen und einmaligen Mischung. All die Schlachten Napoleons, die er in- und auswendig kannte, zahlten sich nun aus, da Hitler ebenfalls ein Bewunderer Napoleons war. Churchill sah seine Absichten und Pläne voraus, lange bevor es die übrigen Experten getan hatten.

Was ist also schon ein Talent, was sind wirklich gute Gene? Wichtig ist nicht die Gleichheit der Voraussetzungen für Erfolg, sondern die Möglichkeit für jeden innerhalb seines Lebens mit seinen Voraussetzungen Erfolg haben zu können. Denn was wäre das auch für eine Gesellschaft, in der zwar die weniger Begabten entschädigt würden, aber doch jeder wissen würde, dass diese unnütze und für nichts zu gebrauchende Zeitgenossen seien? Würde das diejenigen wirklich besser stellen? Gehört zur Würde des Menschen nicht auch dazu, etwas aus eigener Kraft geschaffen zu haben, das ganz ursächlich mit der Person verknüpft ist? Eine Leistung, die ganz mir gehört?

Ich lasse diese Fragen hier offen, weil man den Egalitarismus nie vollständig widerlegen kann. Er speist sich aus einem Werturteil und dieses ist im letzten Sinne irrational, so wie es der Wunsch nach Entfaltung und Freiheit auch ist. Man kann für die unterschiedlichen Sichtweisen nur werben; das Für und Wider abwägen.

Ich frage mich allerdings, was an starken und guten Argumenten übrig bleibt, wenn man den Egalitaristen eine Welt entgegenhält, in der jedermann eine Chance hat, seine Talente zu entfalten und nur jene unterstützt werden, die dazu nicht in der Lage sind? Was ist dann an den Unterschieden zwischen den Menschen noch ungerecht? Hier liegt der Knackpunkt. Entweder man kann sich damit anfreunden, dass Menschen über den eben skizzierten Punkt hinaus niemals gleich sein werden oder man hält diese anthropologische Konstante selbst für ein Übel. Dann muss man mit den ökonomischen Konsequenzen leben, welche die Leistungsbereitschaft und Vermögensbildung zum Erliegen brächten. Lebt man lieber in einer Welt der angeglichenen Einkommen auf einem niedrigeren Niveau mit weniger Fortschritt oder kann man die Unterschiede aushalten und hat damit eine dynamischere Gesellschaftsform gewählt? Das ist die Frage, die bis zum Schluss bestehen bleibt.

Eine historische Rückschau

Treten wir hinter die heutige Diskussion noch einen Schritt zurück und betrachten das Bild aus einer historischen Perspektive. Es gab die Kritik an den ungleichen Startchancen des Lebens schon viel länger als die Glücksutilitaristen meinen. Vor der Industrialisierung war der Fokus der ersten Sozialisten auf die Ungleichverteilung von Grund und Boden gerichtet. Erst eine gleiche Verteilung des Bodens würde die Gesellschaft wahrlich freimachen, so meinten sie. Autoren wie Tolstoi und Dostojewksi setzten sich in Russland für starke Landreformen ein. Heute weint niemand mehr einer ungleichen Landverteilung eine Träne nach. Große Landgüter verwalten zu müssen, ist heute eher Plage als Segen, eher ewige harte Arbeit als das Paradies des Wohlstandes. Während der Industrialisierung verschob sich dann der Fokus zum ersten Mal durch Karl Marx auf die nun neu geschaffenen Produktionsmittel. Die Fabriken und Maschinen seien ungleich verteilt, ein einfacher Arbeiter könne doch gar nicht wohlhabend werden und aufsteigen. Auch hier müsse umverteilt werden. Auch hier sehen wir, wie sich die Positionen ihrer Zeit entlebt haben. Heute braucht ein Milliardenkonzern wie Whats-App keine einzige Fabrik mehr, die Industrie ist einem Niedergang begriffen, nur mittelfristig aufgehalten durch den Aufstieg der Schwellenländer. Dann kam später die Kritik an Spekulanten und Erben auf, die ihr Vermögen unrechtmäßig erhalten hätten. Auch hier sehen wir heute, dass Aktienvermögen auch schnell wieder verfallen können. Wichtig ist daher nicht, wer ein Erbe erhält, sondern was er damit anstellt. Wenn wir die Erben enteigneten und dieses Geld auf die anderen Bürger aufteilten, ist das noch lange keine Garantie dafür, dass die Gesellschaft sich einem Ideal der individuellen Entfaltung annähert. Wenn die jungen Leute, die in den Genuss der staatlich verteilten Erbmasse kommen, nur ihren Konsum erhöhen, ist nach der Umverteilung bald schon wieder alles beim Alten. Die Fleißigen und gut Angepassten bekommen das Geld von den weniger gut Ausgebildeten, Angepassten und Geschäftstüchtigen.

Ein echtes Talent und eine dauerhafte Geschäftsgrundlage sind daher viel ergiebiger als ein leicht verschwendetes Erbe und ein schneller Gewinn an der Börse. Historisch sehen wir aber, dass wir schon die alten Hürden, die frühere Egalitaristen beklagten längst ausgeräumt und aus dem Feld geschlagen haben, wenn sie nun bei flüchtigen Markteinkommen und nicht mehr bei Grund und Boden oder Erben eine Enteignung fordern.

Die letzte Hürde des Zufalls ist erreicht, die für die Egalitaristen unüberwindlich scheint. In historischer Perspektive haben wir die Ungleichheiten schon längst besiegt, die sie für das Grundübel der westlichen Gesellschaften schlechthin hielten. Ihnen fehlt eine langfristige Perspektive auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen. Sie unterschätzen fundamental die Potenziale von Fortschritt und Wachstum.

Ein Kern bleibt in diesen Ungleichheitsbetrachtungen aber immer gleich. Egalitaristen scheinen davon auszugehen, dass sich die Ungleichheit durch keine anderen Prozesse ausgleichen lasse, als durch eine einfache Umverteilung von A nach B. Es kann keine Leistung, keine Förderung, keine Bildung, keine Chancen, kein Sozialstaat geben, nichts kann das Übel bekämpfen, als den Reichtum absolut zu verbieten und ihn gerecht aufzuteilen.

Eigentlich zeichnen sie für das alltägliche Leben das Bild eines Notstandes. Im Notstand akzeptiert fast jeder, dass man mit seinen Mitmenschen teilen muss. Daher muss zur Stärkung des Arguments ein permanenter Notstand gedanklich eingeführt werden. Aus diesen Assoziationen schöpft der Egalitarismus seine Kraft. Außerdem suggeriert er, dass man sich, oberflächlich betrachtet, allein für die Schwachen stark macht. Man steht also auf der richtigen Seite, auf der Seite der Unterdrückten und Armen dieser Welt. Auch das scheint ein Aspekt seines Erfolges zu sein.

Egalitaristen kommen daher immer wieder in einen Konflikt mit ihrem Selbstverständnis als Humanisten, wenn ihr Bild von den Wohlhabenden und Erfolgreichen als gierige Plünderer der Gesellschaft nicht erfüllt werden. Auf einmal müssen sie einsehen, dass auch reiche Menschen, Menschen sind. Dass man sie nicht willkürlich bestrafen und schlecht behandeln darf. Spätestens an dieser Stelle treten dann die inneren Spannungen des Egalitarismus zu Tage. Der Egalitarismus ist eine Ideologie, die unser modernes Leben begleitet. Immer wieder ringt sie um Anerkennung, und doch hat sie nichts zu bieten als Nörgelei, Fundamentalopposition und Verweigerung von Kompromissen. Selbst eine sich reformierende Welt erscheint dem Egalitaristen meilenweilt von seinem Paradies der Gleichheit entfernt.

Der Egalitarist, er bleibt ein mit seiner Zeit unbefriedeter Kritiker; ein Revoluzzer ohne Aussicht auf Erfolg. Er kann sich die Nichterfüllung seiner Forderungen nur durch die Dummheit der breiten Masse ihre wahren Interessen nicht wahrzunehmen oder durch die Gier und Macht der Oberen, es nicht zu einer fundamentalen Umgestaltung kommen zu lassen, erklären. Am Ende scheitert er an dem übergroßen Gegner der Gesellschaft und flüchtet sich daher oft in die Träume von winzigen egalisierten Kommunen, in denen er wenigstens im Kleinen seinem Ideal nach streben kann, was allerdings regelmäßig in höchst autoritären, sektenartigen und materiell extrem ungleich verteilten Lebensformen endet.

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