Sebastian Kurz ist nicht das Schlechteste für Österreich!

Die Medien sind in hellem Aufruhr. Wieder gewinnt der rechte Zündler Sebastian Kurz die Wahl. Ein Jungspund, der gar nicht weiß, was er tut. Ein Biedermeier, der die rechten Brandstifter nicht erkennt. Wieder könnte es zu einer Koalition mit der FPÖ kommen und er schließt diese Koalition noch nicht einmal aus. Wie kann er nur! Ich frage mich, ist es wirklich so tragisch, was in unserem alpinen Nachbarland geschieht?

Kurz steht für eine unaufgeregte Politik. Der Skandal passte deshalb nicht zu ihm, dem Musterschüler und jüngstem Bundeskanzler der Geschichte Österreichs. Er wollte doch alles richtig machen. Und dann das. Der Ibiza-Skandal war ein Schmiss im Gesicht der sonst reinen Haut des Kanzlers. Die Ereignisse überschlugen sich. Die Medien freuten sich, den sonst so glänzend an allen Zweifeln vorbeigezogenen Jungpolitiker bluten zu sehen. Seine betont langsame und kontrollierte Art wirkte fast hilflos. Er wurde eher aus dem Amt gejagt, als dass er selbst noch agieren konnte. Die Opposition und die Medien waren wieder in ihrem Element: aufgeheizte und kurzsichtige, an einem Skandal aufgehangene Politik zu machen. Kurz wurde ohne jede Not als Kanzler abgewählt, obwohl klar war, dass er bei einer Wiederwahl mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder an erster Stelle stünde. Und genau so ist es gekommen.

Kurz steht für eine andere Politik, die heute fast exotisch wirkt, weil sie sich Zeit lässt und weil sie ganz in Ruhe ihre Optionen prüfen möchte. Kurz versucht stets, das für sich Vernünftige zu tun, nicht das den Medienklängen opportune. Das ist in unserer aufgeregten Medienwelt nicht mehr gern gesehen.

Deshalb ist Kurz auch eher der Kanzler der Landbevölkerung und der gutbürgerlichen Stadtmilieus. Jener Menschen, die nicht in ökologisch abbaubaren Filterblasen leben und in gehypten Instragrambranchen ihr Geld verdienen, sondern in der echten Welt. Die gibt es noch, irgendwo da draußen liegt sie und wartet auf eine anständige, konservative Politik. Dort, wo die Leute keinen Chai Latte oder Soja Iced Caramel Macchiato, sondern einfachen Kaffee oder Tee trinken.

Sebastian Kurz‘ Politik zeichnete sich dementsprechend durch echte (für die Medien langweilige) Sacharbeit aus. Er förderte die Wirtschaft, indem er Unternehmen ermutigte, in Österreich einen Firmensitz zu gründen, kürzte im tatsächlich sehr anspruchsvollen österreichischen Sozialstaat die Kassen und bildete eine Brücke zwischen den West- und Osteuropäern in der Flüchtlingskrise und schloss, wie er selbst gerne betont, die Balkanroute. Was im Nachhinein sicherlich der richtige Schritt war. Und das sage ich als jemand, der die Einwanderung 2015 befürwortete. Aber wahrscheinlich hatten die Kritiker schon damals recht, dass die einmalige Tat des Herzens, die es ja sein sollte, einen Strudel an weiterer Migration auslöste, dem Europa nicht gewachsen war und immer noch nicht ist. Und bei dem wir, gäben wir ihm nach, wie es große Teile der Grünen und Linken in Europa fordern, sofort einen Rechtsruck erleben würden, gegen den das Ibizia-Video wie eine lächerliche Lappalie daherkäme. Denn muss man nicht zugeben, dass wir durch die kurzzeitige Aussetzung des Dublin-Verfahrens die Schleusergeschäfte in Nordafrika und der Türkei erst profitabel gemacht, mafiöse Strukturen in Staaten wie Libyen geradezu gefördert und damit viele tausend Tote im Mittelmeer erst möglich gemacht haben?

Aber zurück zu Österreich. Sicher ist Kurz nicht perfekt. Das dubiose Schreddern von internen Daten durch einen Social-Media-Mitarbeiter, der dann die Rechnung nicht bezahlt und der durch sein geheimniskrämerisches Verhalten, die Geschichte erst zu einem Skandal werden ließ, ist alles andere als staatsmännisch und professionell. Dahinter könnte sich ein Parteispendenskandal verbergen, den die ÖVP erst noch vor sich hat. Es soll Ungereimtheiten aufgrund der Parteispenden für Kurz‘ Wahlkampf geben. Aber was soll man sagen? Österreich war schon immer korrupt. Die kleine Republik ist zu überschaubar als das Vetternwirtschaft und persönliche Kontakte nicht häufig wichtiger wären, als echtes Können und faire, offene Bewerbungsverfahren. Dazu haben die Österreicher seit jeher eine größere Affinität zu Titeln und Namen, zu sozialen Hierarchien und dem Nach-oben-Buckeln-und-nach-unten-Treten. Die Wiener lieben den Tratsch und das Stadtgespräch mehr als die Berliner. Mir sagte mal ein österreichischer Freund, das Österreich kulturell und politisch zwischen Deutschland und Italien liege. Das war für mich augenöffnend. Wenn man dies im Hinterkopf hat, dann ist Hans Christian Strache doch ein zahmer Klosterbruder, wenn man Berlusconis Bunga-Bunga-Orgien und sein Medienimperium als Bewertungsmaßstab zugrunde legt.

Aber zurück zu Kanzler Kurz. Er macht die Politik, die heute im klassischen Sinne aus der Zeit gefallen scheint. Ohne aufdringliche Anglizismen, ohne groß auf den Zeitgeist zu hören, es werden einfach die Staatsgeschäfte in einer für das Land günstigen Weise gelenkt, ohne ideologische Scheuklappen und ohne große Pathetik. Er wirkt häufig schlicht und dadurch erfrischend entspannt. Er braucht keine Weltenrettung als Begründung seiner Politik. Er bleibt immer sachlich und pöbelt nicht gegen andere Politiker. Er erträgt in einer unglaublichen Ruhe alle unerhörten Fragen der Journalisten und antwortet immer gekonnt, auf den Punkt und mit dem Eingeständnis der eigenen Fehlbarkeit. „Ich werde es so machen, wie ich es gesagt habe. Dafür wurde ich gewählt! Wenn sie meinen, dass es anders geht, interessiert mich das wenig.“ Mit diesen einfachen Worten wiegelte Kurz die Fragen von Klaus Kleber ab, ob er nicht eine Koalition mit den Blauen ausschließen solle. Diese Worte zeigen, wie sehr wir uns daran gewöhnt haben, dass Politiker heute auf jeden noch so winzigen Einwand der Journalisten noch die beste Antwort geben sollen. Warum eigentlich? Warum sollen die Medien nicht wieder im Kontrast zur Politik stehen und sie auch ideologisch kritisieren, statt sich mit ihr aufgrund einer Seelenverwandtschaft zu solidarisieren? Wir brauchen keine Politik, die von einer herrschenden Moral durchdrungen ist, sondern Politik, die Probleme löst und das Land voranbringt. Ich glaube daher, dass es uns in Westeuropa ganz gut tut, wenn eine klar konservative Partei regiert. Denn dann funktioniert die Gewaltenteilung durch die vierte Gewalt, die Medien, weitaus besser. Auch dem Auseinanderdriften von Stadt und Land ist mehr gedient, wenn sich die Städter auch mal an die Landbevölkerung anpassen müssen als andersherum.

Auch in den Medien, davon bin ich überzeugt, ist es ein anregenderer Austausch, wenn die Regierung eher den Zweifel gegen die Moden aus dem hippen Wien vorträgt, als wenn sie sich an deren vorderste Front stellt. Wir müssen sehen, wo Österreich steht. Die Wirtschaft ist weitaus schwächer als die in Deutschland. Die Sozialsysteme, gerade das öffentliche Renten- und Krankenkassensystem, sind schon dort, wo warnende Experten das deutsche in 15-20 Jahren sehen, nämlich nahe der finanziellen Überforderung. Österreich braucht wirtschaftsliberale Reformen und das ist unbeliebt. Daher wird die Regierung, welche sie durchsetzt, immer unbeliebt sein, egal wie jung und frisch, offen, links und liberal sich der Kandidat auch geben mag.

Wenn Sie noch nicht überzeugt sind, empfehle ich Ihnen: Schauen Sie sich folgendes Interview zwischen Sebastian Kurz und Giovanni di Lorenzo an. Der Zeit-Chefredakteur versuchte 2018 immer wieder, aus Kurz Antworten auf die Herzensfragen des linksliberalen Milieus zu bekommen und scheiterte damit, auf für uns Aussenstehende interessante Weise. Di Lorenzo wollte, dass Kurz Trump verurteilt, die Flüchtlinge bemitleidet, seinen politischen Gegner offener angreift und sich als zu jung und überfordert begreift. All das wiegelte Kurz, ich muss es zugeben, elegant und sogar humorvoll ab. Ich muss es gestehen, ich mag den Kurz. Gerade weil er nicht pathetisch, unaufgeregt und hoch moralisch argumentiert, sondern stets gut informiert, mit großem Blick für das Weltgeschehen und nah an der Wirklichkeit. Vielleicht ist es gar nicht so schlecht, dass er wiedergewählt wurde. Vielleicht ist er gerade genau das Richtige für Österreich.

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