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Mein Professor, der Castro-Verehrer

Liebe Leser,

heute möchte ich Ihnen eine Geschichte aus meinem Studium erzählen, die mich schockiert hat. Ich besuchte in meinem Philosophiestudium als Ergänzung auch die Einführungsvorlesung in die Politikwissenschaften. Die Vorlesung wurde von einem alten Hasen der Universität Potsdam gehalten, Prof. Raimund Krämer. Er war ein ausgewiesener Experte in Internationalen Beziehungen. In seinem Lebenslauf stehen Stationen an der Oxford Universität etc. Er spricht sauber, klar, rhetorisch geschickt. Ich freue mich auf die Vorlesungen.

Sobald allerdings das Thema der internationalen Politik aufkommt, merke ich immer wieder, wie er unterschwellig antiamerikanische Untertöne unterbringt. Er macht sich über die gescheiterten Einsätze der Amerikaner im Nahen Osten lustig. Er provoziert immer wieder mit Sätzen wie: „Sind die Amerikaner wohl doch nicht so überlegen, wie sie immer denken?“ Dies ist zwar etwas seltsam, aber unter Intellektuellen und Professoren gehören solche Aussagen schon fast zum guten Ton. Ich denke mir also nichts dabei.

Als sich das Semester dem Ende nähert, rückt auch die Klausur in der Einführungsvorlesung in Politik näher. Weil ich das Gefühl habe, die Vorlesungsunterlagen reichen mir nicht aus, um mich darauf vorzubereiten, suche ich auf der Webseite von Professor Krämer nach seinem zu dieser Vorlesung geschriebenen Buch „Einführung in die Politikwissenschaften“. Ich finde es auch, doch auf dem Blog seiner Seite fiel mir eine Überschrift besonders auf: „Nachruf auf Fidel Castro“. Ich denke mir, ja Fidel Castro ist gerade erst gestorben. (Wir schrieben das Jahr 2017).

Aber ein Nachruf auf einen Diktator von einem Wissenschaftler? Ich werde mir diesen Text einmal genauer ansehen.

Schon bei dem Titel stutze ich: „Magier der Macht“. Ist das nicht etwas zu distanzlos für einen Wissenschaftler? Würde man auch Hitler als »Magier der Macht« bezeichnen, noch dazu in einem Nachruf?

Ich fange an zu lesen und hoffe noch, dass sich meine Bedenken zerstreuen werden und das mich hier ein abwägender und analytischer Text erwarten wird, der die Revolution auf Kuba in ein realistisches Bild setzen wird.

Aber nichts dergleichen kann ich finden. Prof. Krämer rühmt Fidel Castro in einem fort. Vor allem seine rhetorische Begabung hat es ihm angetan. Seine Manneskraft, seine Überzeugungskraft, seine Unbestechlichkeit. Ich habe das Gefühl, im Jahr 1953 einen Nachruf auf Josef Stalin aus der Prawda zu lesen.

Nichts von politischen Gefangenen, nichts von der Unterdrückung von Oppositionellen, von Journalisten und Unternehmern oder der Flucht von Hunderttausenden Kubanern vor der Armut und der Aussichtslosigkeit der Planwirtschaft. Und ihrem häufigen Tod in der Karibik auf ihrem Weg in die Freiheit.

Prof. Krämer ist schließlich damit beschäftigt, Castro sogar mit Jesus Christus zu vergleichen:

„Als 1956 die wenigen Überlebenden der Granma- Landung völlig erschöpft auf einen Bauern trafen, der sie recht ungläubig anschaute, sprach Fidel zu Angel Perez Rosabal, so der Name des Bauern, mit festen Worten, die an einen Jesus Christus erinnerten: „Habe keine Angst, ich bin Fidel Castro, und wir sind gekommen, das kubanische Volk zu befreien.“

Magier der Macht, Raimund Kramer

Prof. Raimund Krämer hat insgesamt 11 Jahre lang an deutschsprachigen Universitäten gelehrt. Anscheinend hat seine glühende Verehrung autoritärer Führer an keiner Einrichtung irgendjemanden gestört. Ich schreibe diesen Text jetzt, wo er emeritiert ist.

Ich möchte mich nicht an der »Cancel Culture« beteiligen. Von mir aus soll ein Professor offen Fidel Castro verehren. Aber öffentliche Kritik und Widerspruch von anderen Professoren, von anderen Studenten, von anderen Wissenschaftlern hätte er verdient.

Den Link zu dem Originaltext des „Nachrufs“ finden Sie hier: Magier der Macht.

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