Jeder stirbt für sich allein

Es ist ein kalter Herbsttag, als sich Rudolf und Hanns auf jene Lichtung begeben, die sie für ihren Tod auserwählt haben. Die schon eisige Luft, die noch den Wind des Sommers atmet, fährt ihnen durch das Gesicht. Sie sind zu allem entschlossen. Sie stehen sich nun vor einer kleinen Parkbank direkt gegenüber. Sie nicken sich zu und entfernen sich je 25 Meter voneinander. Beide ziehen einen Revolver aus ihrem Mantel. Sie zählen bis drei, dann drücken sie ab.

Rudolf ist ein unscheinbarer Junge. Er ist anders als seine Klassenkameraden. Er ist der Neue in der Klasse. Er soll zwischenzeitlich von seiner Grundschule geflogen sein, weil er einem Mädchen nachstellte und den Eltern anonyme Briefe über eine angebliche Beziehung zwischen ihm und ihrer Tochter schrieb. Er ist ein in sich gekehrter Junge. Er mag es nicht, viel mit den anderen zu reden. Am liebsten verzieht er sich in die hinterste Ecke des Klassenraums und spricht bis zum Ende des Schultages kein Wort. Doch der Lehrer setzt ihm Hanns an die Seite. Erst hassen die beiden Jungen ihn dafür. Sie finden diese pädagogische Geste lästig, die den Neuling integrieren soll. Doch es erweist sich für die beiden als Glücksgriff. Sie werden beste Freunde. Sie bemerken ihr gegenseitiges Interesse an der Literatur und der Philosophie. Stundenlang und nächtelang reden sie über nichts anderes mehr. Vor allem Nietzsche und seine Theorie vom Willen zur Macht, vom Übermenschen, der sich über die Regeln der bürgerlichen und dekadenten Gesellschaft hinwegsetzen kann, ja sogar muss, begeistert sie. Sie beginnen beide zu schreiben. Ihre ersten Versuche sind kläglich, aber sie spornen sich gegenseitig an. Text für Text werden sie besser. Sie fühlen sich wie echte Literaten. Wie unentdeckte Genies, die von ihren Mitmenschen bald wie Helden gefeiert werden. Sie können den Tag ihres Triumphes kaum erwarten. In die Schule gehen sie nur noch, um ihre Zeit bis zum Abitur abzusitzen. Ihre Eltern sind zwar über die Abgeschlossenheit ihrer Freundschaft besorgt, lassen den Jungs aber ihre eigene Welt.

Am liebsten treffen sich die beiden am Wochenende und diskutieren die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Tag schlafen sie aus, spazieren lange durch die Stadt und kommen abends erst wieder nach Haus, als es schon dunkel ist. Dann beginnen sie wieder zu schreiben und zu disputieren. Eines Nachts sind sie besonders über eine Stelle bei Nietzsche erregt. Hanns verkündet Rudolf, dass es bei Nietzsche ganz eindeutig sei: Der Wille zur Macht, der Wille zu einem bejahenden Leben, das sich seiner drohenden Sinnlosigkeit, aber zugleich auch seiner Einmaligkeit bewusst werde, müsse sich im Leben beweisen. Ein Übermensch müsse entweder als Held leben oder kämpfend untergehen. Für ihn gibt es kein zurückgezogenes Leben im bürgerlichen Abseits. Das Leben muss etwas Besonderes, Einmaliges, Abenteuerliches sein. Genie oder Untergang!, das sei die Devise. Und das müsse auch ihre Devise sein. Rudolf hat dazu eine Idee. „Wir schicken unsere Texte einem Verlag. Derjenige, der genommen wird, nimmt dem anderen das Leben. Das ist nur konsequent. Wer als Autor nicht leben kann, sollte gar nicht leben!“

Erst folgt auf diese Idee ein langes Schweigen. Hanns geht mit grübelndem Blick im Zimmer auf und ab. Doch dann, nach einiger Zeit, erhellt sich sein Gesicht. „Rudolf, das ist genial! Möge der Bessere überleben.“ Die Idee ist zu groß für einen Abend, um sie mit anderen Gedanken noch zu belasten. Sie gehen sofort zu Bett. Beide liegen lange schweigend in der Dunkelheit. Rudolf muss immer wieder an diesen einen Satz aus Nietzsches Zarathustra denken. Es ist ein Satz, der ihn erregt und gleichzeitig schaudern lässt:

„Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.“

Schon am nächsten Tag suchen sie zusammen Texte aus, die sie für ihre Bewerbung verwenden wollen. Es sind ihre Glanzstücke, ihre ganz eigenen Geniestreiche. Sie sind sich sicher, dass sie bald berühmt sein werden. Nichts kann sie von ihrem Erfolg abbringen. Die Welt wird ihre einmalige Begabung erkennen müssen oder diese Welt ist ihrer nicht würdig. Sie schicken sie ab, ganz aufgeregt sind sie, nachdem sie ihre dicken Umschläge in ihrer Postfiliale abgegeben haben.

Jetzt heißt es warten. Wochen vergehen, ohne eine Antwort und die beiden Jungs diskutieren und philosophieren so fröhlich und unbeschwert weiter, wie nie zuvor. Fast haben sie ihre Wette, ihren Einsatz und ihr Einschreiben vergessen. Doch dann liegen zwei Briefe für sie bereit. Ihre Eltern haben sie liebevoll auf ihre Schreibtische gelegt. Sie reißen sie auf, können es kaum erwarten zu erfahren, wie großartig der Verlag ihre Werke einschätzt, wie schnell sie nun gedruckt und damit berühmt werden. Rudolf ist so neugierig, dass die Worte vor seinen Augen verschwimmen. In einem kurzen Brief wird ihnen von dem Verleger für das Einsenden ihrer Texte gedankt. In einem standardisierten hölzernen Satz wird bedauert, dass sie nicht in das Profil des Verlagsprogramms passen würden. Sie haben beide versagt. Für Hanns und Rudolf ist klar, was das bedeutet.

Sie gehen zu einem zwielichtigen Händler in einer der Seitengassen, der alte Revolver aus dem ersten Weltkrieg verkauft. Sie haben dafür bereits gespart. Samstags üben sie nun das Schießen, statt das Schreiben. All ihre Träume haben sich in Luft aufgelöst. Sie sind nur noch von dieser einen Idee besessen, wie Kleist selbstbestimmt und als freie Menschen aus dem Leben zu treten. Ohne Not und in der vollen Blüte ihres Lebens. Sie verabreden sich für den nächsten Freitag. Dann soll es geschehen.

So steht Rudolf nun auf der Lichtung, mit erhobenem Arm und dem Zeigefinger am Abzug. Kurz bevor Rudolf schießt, spürt er seine kalte Hand wackeln. Er hofft, es möge alles gut gehen. In dem Moment, in dem der Schuss ertön, schließt er die Augen. Mit geschlossenen Augen erwartet er sie, die ewige Dunkelheit. Sein Körper wird getroffen und fällt zu Boden. Schmerz, Taubheit, eine nach Luft ringende Lunge, wie schnell wird das gehen? Bin ich schon tot? Warum tut das so weh? Er ersehnt nichts weiter als das Ende seines Atems, das Ende seines Leidens.

Der Schmerz wird stärker. Er wird so stark, dass er die Augen aufreißen und sich umsehen muss. Er ist nicht tot. Der Schuss hat sein Herz verfehlt. Er liegt schwer blutend auf der kalten Wiese. Er ruft nach Hanns. Unter höllischen Schmerzen zwingt er sich dazu, aufzustehen. Er humpelt zu seinem Freund hinüber. Aber dieser liegt unbeweglich da. Sein Schuss hat nicht verfehlt.

Rudolfs Eltern sind entsetzt. Sein Vater ist Jurist, ein angesehener Mann in der Stadt. Er kennt den Richter und beschwört ihn, seinen Jungen für unzurechnungsfähig zu erklären. Er solle in eine Heilanstalt gebracht werden. Nur nicht ins Zuchthaus oder Gott bewahre, die Todesstrafe. Der Richter spricht mit dem verwirrten jungen Mann und erkennt die Tragödie. Er spricht ein mildes Urteil. Der Junge wird für unzurechnungsfähig erklärt und darf in das von den Eltern finanzierte Sanatorium gehen.

Für Rudolf wird es nie wieder wie zuvor. Jeden Tag muss er an Hanns denken. Dass es sein Schuss war, der ihn wie ein Pfeil durchdrang. Immer wieder steht er in seinen Träumen auf dieser Lichtung. Um sie zu vergessen, nimmt er Drogen. Er wird opiumsüchtig. Es ist zweischneidig. Zum einen fühlt er sich gleichgültig und leer, wenn er es nimmt, manchmal sogar euphorisch. Er kann dann für kurze Zeit vergessen, was geschehen ist. Doch zum anderen ist er in seinen Opiumträumen so oft bei Hanns, wie sonst nie. Nach mehreren Jahren schafft er einen Entzug. Er wird aus dem Sanatorium ohne Schulabschluss entlassen. Seine Eltern können ihn nicht mehr unterstützen. Sie haben in der großen Inflation all ihr Vermögen verloren. Er beginnt wieder zu schreiben. Er schlägt sich als Werbetexter durch. Mit 50 Mark im Monat versucht er, so gut es geht, zu überleben. Zu Beginn der 1930er Jahre gelingt ihm dann als Autor der Durchbruch. Ein Roman über das Leben eines einfachen Mannes, der mit allem scheitert, was er anfasst, wird zum Bestseller. Er kann sich nun ein gutbürgerliches Leben finanzieren. Er heiratet, ist glücklich. Für einen Moment.

In der Nazidiktatur bleibt er unauffällig und hält sich bedeckt, schreibt erfolgreiche Unterhaltungsliteratur, auch wenn er in geistiger Opposition zu dem Regime steht. Als der Krieg endlich vorbei ist, liest er in der Zeitung, dass ein einfaches Arbeiterehepaar kurz vor Ende des Krieges von den Nazis zum Tode verurteilt worden war, weil sie anonyme Flugblätter auf den Straßen Berlins verteilt hatten. Das Ehepaar hatte ihren Sohn im Krieg verloren. Das hatte sie aufgeweckt. Sie waren keine Intellektuellen. Sie waren einfache Menschen. Rudolf beeindruckt ihre Courage so sehr, dass er beschließt, diese Geschichte aufzuschreiben. Er will sich dem Guten und der moralischen Tat zuwenden. Er hat genug von Nietzsche und dem Übermenschen. Der einfache, und trotzdem integre Mensch wird zu seinem neuen Vorbild.

Aber zu diesem Zeitpunkt ist Rudolf schon längst wieder morphiumsüchtig. Seine Depressionen und sein Wille, von der Welt zu verschwinden, werden wieder stark. In jeder Nacht steht er wieder auf dieser kleinen Lichtung und drückt ab. Ein Suizidversuch misslingt, weil ihn sein Nachbar findet. Seine Frau ist nun ebenso opiumsüchtig wie er. Er weist sich selbst in eine Klinik ein. Doch das Land ist vom Krieg zerstört und die Ausrüstung dürftig. Er liegt auf einer kalten Pritsche in einer halb zerstörten Grundschule und starrt wochenlang an die Decke. Rudolf stirbt am 07.02.1947, mit 56 Jahren, an einem Herzversagen. Nach seinem Tod wird der Roman „Jeder stirbt für sich allein“ zu seinem größten Erfolg.

Als ein Verleger sich in den 1920ern bereit erklärt, sein erstes Buch zu veröffentlichen, schlägt dieser vor, dass er sich einen Künstlernamen zulegen solle, um nicht mit dem früheren Strafprozess wegen Totschlags in Verbindung gebracht zu werden. Der Fall stand damals prominent in der Zeitung. Er muss darüber einige Zeit nachdenken. Er stimmt zu. Er nennt sich von nun an Hans Fallada. Fallada hieß ursprünglich das Pferd aus dem Märchen „Die Gänsemagd“ der Gebrüder Grimm, in der eine Prinzessin von ihrer Magd um ihre Stellung gebracht wird. Sie muss nun selbst zur Magd werden, während die Zofe Prinzessin spielt. Ihr Pferd ist der einzige Zeuge ihres wahren Ichs. Doch die Zofe lässt das Pferd schlachten. Sein Kopf wird über den Eingang des Schlosses gehängt. Jedes Mal, wenn die Prinzessin vorbeigeht, spricht der Pferdekopf mit ihr und nennt sie bei ihrem wahren Namen. Rudolf nennt sich von diesem Tag an nur noch Hans.

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