Im Zeichen der (Über)Toleranz

Ein Freund von mir geht letztes Wochenende auf ein Festival. Es ist ein linkes Festival am Rande Brandenburgs, fast schon in Polen. Die Sonne prallt, eigentlich optimales Wetter für eine solche Veranstaltung. Er erzählt mir, dass es eine gute Stimmung gewesen sei. Verschiedene Musikstile seien gespielt worden. Alles war friedlich, laut und ausgelassen. Die Organisatoren hatten ein kleines Café aufgestellt, um Getränke und Snacks zu verkaufen. Als er in der Schlange steht, wird ihm – aus vollkommen unerfindlichen Gründen – sehr warm. Er hält die 35 Grad im Schatten nicht mehr aus und zieht sich das T-Shirt vom Leib. Für ihn eine ganz normale Geste, auf einem Festival mitten im Nirgendwo, wo es niemanden interessieren sollte. Doch da lag er falsch. Als er an die Reihe kommt, teilt ihm die Betreiberin des Cafés mit, dass er aufgrund der Entblößung seines Oberkörpers nicht bedient werde.

Er würde mit seinem Verhalten indirekt Body-Shaming betreiben, d.h. jenen ein schlechtes Gefühl bereiten, die einen nicht vorzeigbaren Körper hätten. Diese würden sich bei dem Anblick seiner nackten Haut nur noch mehr ihrer Nicht-Perfektion schämen und damit sei die gute Stimmung dahin. Völlig verdutzt und sprachlos nahm mein Freund von der Freizeit-Gastronomin einen Flyer entgegen, der ihm das Thema noch tiefergehender erklären sollte. Er verstand die Welt nicht mehr. Und als er es mir erzählt, frage auch ich mich, was genau hinter dieser Übertoleranz steht? Wieso wird unser Zusammenleben durch solcherlei Maßregelungen immer abstruser? Was ist das für ein Begriff von Toleranz und Freiheit, den man hier fordert?

Toleranz – früher

Gehen wir einen Schritt zurück: Toleranz begann im 16. und 17. Jahrhundert in Europa zu einem wirklich wichtigen Begriff zu werden. Damals hatte man noch derart banale und heute wirklich als Kleinigkeiten anzusehende Konflikte zu befrieden, wie die Glaubenskriege oder ethnische Säuberungen. Die Toleranz wurde zuerst als eine Toleranz gegenüber der Gewissensfreiheit eingeführt. Gewissensfreiheit war eine vorsichtige und aus heutiger Sicht unnötige Vorstufe der Religionsfreiheit. Nicht die öffentliche Zurschaustellung der eigenen Religion und das demonstrative Einfordern der eigenen Speisevorschriften, die heute ein gemeinsames Abendessen unter verschiedenen Glaubensgruppen ruinieren, war damals Thema, sondern die Freiheit, sich ganz persönlich an einen Gott zu binden oder nicht. Im stillen Kämmerlein, nicht auf Twitter oder Instagram, ganz für sich allein (ich weiß, voll scary und so) sollte jeder Bürger entscheiden dürfen, welchem Gott er sein schlechtes Gewissen auszuliefern gedenke.

Im Laufe der Zeit wurde diese Idee von Toleranz auf immer weitere Bereiche des Lebens ausgedehnt. Denn es stimmt: Je weniger Konflikte mit der Waffe ausgetragen werden und je mehr Lebensstile durch einfaches Achselzucken und friedliches Nebeneinanderher-Leben akzeptiert werden, desto besser funktioniert eine offene Gesellschaft. Die großen Kirchen und Heilslehren werden zurückgedrängt und jeder kann sich Zuhause seine eigene Kirche bauen. Soweit so gut. Die alte Toleranz ging dabei allerdings naiver weise davon aus, dass jede Gruppe und jedes Individuum, das noch nicht für sein Abweichen von der Norm akzeptiert wird, sich seine Stellung in der Gesellschaft selbst erstreiten muss. Niemand kann eine Gesellschaft zwingen, jemanden zu mögen oder auch nur gut zu finden. Ein Recht auf Popularität und positive Resonanz anderer gibt es nicht. Ich weiß, heute unvorstellbar, wo junge Youtuber mit Videos berühmt werden, indem sie sich selbst beim Frühstücken, Schminken oder Haare föhnen filmen. Heute ist jeder berühmt und beliebt, egal ob er etwas Spannendes tut oder nicht. Ob er etwas geleistet hat, oder einfach nur ulkig aussieht. Früher hing man der geradezu absurden Idee an, dass jemand erst etwas Außergewöhnliches leisten muss, um berühmt und anerkannt zu werden. Ohne Bedingungen geliebt wurde man nur in der Familie oder in einer Paarbeziehung. Voll Oldschool, diese verqueren Ideen und zum Glück heute vorbei. Denn das war damals.

Die neue Toleranz soll nicht nur ein friedliches Zusammenleben und eine Duldung unterschiedlicher Wertvorstellungen ermöglichen, sie soll zu einem allseitigen Interesse und zu einer wahren Zuneigung zu jedem unbekannten Mitbürger führen. Keine Vorurteile sollen wir mehr haben. Jedem offen und freundlich begegnen, niemanden auch nur durch Unvorsichtigkeit ausschließen. Ich soll jetzt also, bevor ich etwas sage, aufpassen, nicht verletzend sein zu können. Meine Worte könnten unbeabsichtigt eine Zumutung für den andern sein. Ich muss jedes Wort einzeln abwägen, ob es der Situation angemessen erscheint. Schon die Fragen: „Wo kommst du her?“ oder „Wo hast du dieses Kleid gekauft?“ – früher harmlose Small-Talk-Themen, können heute wie ein Bumerang zurückgeschmettert kommen. Denn weiß ich, ob er sich sicher ist, welcher Nationalität er sich angehörig fühlt, ob das eine geheime Wunde in ihm ist, die ich nun wieder aufreiße? Oder bin ich mir im klaren darüber, dass ihr Kleid eine Nummer größer und damit der Beweis für ihre Gewichtszunahme ist, an der sie gerade besonders leidet? Auf einmal ist jede persönliche Frage ein heikles Unterfangen in einer Welt, in der jedes Thema auch der Grund eines tiefen Traumas sein könnte. Ja nichts falsch machen und wenn doch, dann schnell entschuldigen und die eigene Unvorsichtigkeit direkt als nicht so gemeinte, ursprünglich gute Intention kennzeichnen. Sonst könnte man noch glauben, man sei kein guter Mensch. Das lässt sich doch nun wirklich vermeiden, oder?

Leben wir jetzt in Waschlappenhausen?

Ich frage ganz ketzerisch dagegen: Ist das sinnvoll und brauchen wir das wirklich? Warum zum Teufel, soll ich auf einmal jeden mögen? Warum habe ich kein Recht auf die kleine Lästerei über den schwulen Nachbarn, der jeden Tag mit seinem engen rosa T-Shirt im Park joggen geht? Warum darf ich mich nicht über die Pseudo-Künstlerin aus dem 8. Stock lustig machen, die zerdrückte Plastikflaschen als moderne Kunst fehldeutet? Warum soll ich mich nicht über das Schickimicki-Mädchen in der U-Bahn echauffieren, die selbst ihre tägliche S-Bahnfahrt mit ihren Instagram-Followern für die Ewigkeit »teilen« muss, als wäre jeder dahingehauchte Satz wie, „früher habe ich noch Schokolade gegessen, aber jetzt bin ich schon seit drei Wochen auf Raw-Vegan“, bereits ein unvergesslicher und deshalb aufzeichnungswürdiger Aphorismus. Bin ich schon Faschist, wenn ich nicht absolut jeden Mitbürger für die Krone der Schöpfung halte?

Es ist weder für das Zusammenleben notwendig, noch trägt es zu unserer Kultur bei, wenn wir niemandem mehr etwas zumuten. Streitlustige und angreifbare Kommunikation soll jetzt gefährlich sein? Wenn wir zu jedem eine nette Fassade der Höflichkeiten vorgaukeln, verschiebt das die Bösartigkeiten nur in das Hinterzimmer. Menschen sind nicht immer großzügig und einladend. Wir lieben es, uns in kleinen Gruppen über andere aufzuregen und sie schlecht zu machen. Und auch ganz unnötige Kleinkriege auszufechten, macht großen Spaß und baut Frustration ab. Zum Beispiel erlebt es doch jeder gern, wenn er als Autofahrer jeden ungehörig langsamen, auf der eindeutig für Autos erschaffenen Fahrbahn dahinkeuchenden Radler beschimpfen kann und sofort zum apodiktischen Autohasser wird, sobald er selbst in die Pedale tritt! Zeigt das nicht unsere geistige Agilität? Wir nehmen gern unterschiedliche Rollen an, vor allem, wenn wir in jeder als der Gewinner aus dem Spiel herausgehen. Das ist es nämlich, was diese Übertoleranten uns nehmen wollen, den Spaß! Man darf nicht mehr zynisch sein, man muss jeden Menschen in jeder Lage wertvoll und als Bereicherung empfinden. Wenn ein dicker Mercedes in der Bergmannstraße bei meinem Antiquitätenkauf mit aufgedrehtem Orient-Gedudel an mir vorbeifährt, kommt in mir aber, so sehr ich es auch herbeiwünsche, kein freundschaftliches Gemeinschaftsgefühl auf, sondern abgrundtiefe Verachtung. Wenn ich dann zwei Wochen später mit Freunden selbst mit einem teuren und natürlich nur gemieteten Wagen durch die Innenstadt brause, möchte ich schließlich auch andere mit meiner Musik nerven können, sonst verlöre dieser Kavaliersdelikt doch jeden Reiz?

Was genau wollen wir eigentlich? Wollen wir wirklich in einer Blase leben, in der jeder angeblich nett und ohne Vorurteile an uns herantritt? Oder wollen wir einfach wieder Menschen sein und geradeheraus zugeben, dass wir manchmal Vorurteile haben und das die auch zutreffen? Wollen wir so offen sein, uns einzugestehen, dass wir mit jedem Vorurteil eine Wette eingehen, die auch schiefgehen kann? Was ist so schlimm daran?

Wir können ja dem Radnazi, der unbegabten Künstlerin, dem musikalisch fehlgeleiteten Benz-Fahrer, der übergeschminkten S-Bahn-Tussi, dem body-geschamten Mondgesicht und dem auf Wolken schwebenden und bestimmt Marihuana-abhängigen Pädagogik-Studenten einfach noch eine Chance geben. Zwischen Vorverurteilung und Richterspruch liegt doch noch ein Unterschied oder?

Schreibe einen Kommentar