Es gibt kein gutes Leben im Schlechten – Eine Replik auf Martha Nussbaum

Die Philosophin Martha Nussbaum versucht in ihren Schriften, die Suche nach der Antwort auf ein gutes Leben, das die antiken Denker in ihren Bann zog, als Kernfrage des Politischen in unserer Zeit zu rehabilitieren. Frau Nussbaum ist hoch dekorierte Professorin in Harvard und ursprünglich Altphilologin, was ihr Interesse und ihre profunden Kenntnisse der antiken Philosophen erklärt. Man kann unumwunden zugeben, dass Frau Nussbaum in ihren politischen Schriften einen mutigen Entwurf gewagt hat, der allein durch seinen unbedingten Wunsch nach Fortschritt eine ganze Generation an politischen Philosophen inspiriert und begeistert hat. Aber diese Bewegung kennt auch Schattenseiten.

Sie ist heute die Spitze einer Avantgarde, die als politisches Ziel nicht mehr die Freiheit, die Anstrengung, den Wohlstand, den Erfolg, die Selbstständigkeit und den Mut des Menschen in den Mittelpunkt stellt, sondern vielmehr das gute Gefühl in einer netten Gesellschaft wohlmeinender Menschen zu leben. Des weiteren scheint es das Ziel zu sein, eine Harmonie der Großgesellschaft zu erzeugen, sich also nicht mehr an dem Widerspruch und der Unterschiedlichkeit zu erfreuen, sondern jede gesellschaftliche Reibung als Existenzbedrohung wahrzunehmen. Das gute Leben wird hier als Abkehr von Plage und Druck, von Durchsetzungsvermögen und Emanzipation verstanden, die Achtung aller Menschen soll einfach durch matriarchalisches Tabuisieren durchgesetzt werden. Das Idealbild scheint eine Gesellschaft zu sein, in der von der Kindergärtnerin bis zur Bundeskanzlerin ständig den bösen egoistischen Bürgern die guten Manieren anerzogen werden sollen. Wenn nur ständig jeder ermahnt wird, jeden und alles gut zu behandeln, wird es schon funktionieren. Einsicht und Diskurs, Streit und Argumentation ist dann nicht mehr vonnöten. Aber der Reihe nach.  

Frau Nussbaum schließt ihr Konzept an die ursprünglichen Gedanken der antiken Philosophen über den Zusammenhang von Politik und der Natur des Menschen an. In der Antike versuchte man nämlich, eine Anthropologie zu entwickeln, eine Lehre vom Menschen, die erklären könnte, welche Lebensform die für ihn beste sei. Die Vorstellung war damals, dass man nur die wahre Natur des Menschen kennen müsste (seine Essenz), um ihn bestmöglich glücklich zu machen. Man benötigte dazu sozusagen nur die Geheimrezeptur seines wahren Seins. Nur die Kenntnis seiner Art würde verraten, was zu tun sei.

So unterschiedlich die Philosophen die Natur des Menschen skizzierten, so unterschiedlich waren dann auch ihre politischen oder moralischen Forderungen. Die Stoiker gingen davon aus, dass der Mensch im ständigen seelischen Gleichgewicht leben müsse, damit ihn die Schläge des Lebens zum Guten und zum Schlechten nicht aus der Bahn würfen. Daraus ergab sich ihre Weltabgewandtheit, ihre Suche nach Einsamkeit und ihre Forderung nach dem Suizid ihrer Anhänger, bei rationaler Abwägung eines nur noch als unzureichend würdevoll empfundenen Daseins. Die Epikureer hingegen meinten, der Mensch solle sich seinen Vergnügungen hingeben, denn das Leben sei zu kurz, um daran zu verzweifeln. Im schönen Garten soll Epikur, gut versorgt mit Wein und Speise, Tag für Tag mit seinen Freunden disputiert haben. Die Platoniker wiederum meinten, die Menschen in drei Klassen einteilen zu können und wiesen ihnen daher feste Rollen nach einem Klassenmodell zu. Für sie gab es nur die Bauern und Handwerker, die Soldaten und die Philosophenkönige. Keiner dürfe aus seiner Klasse jemals auf- oder absteigen. Das störe das natürliche Gleichgewicht. So wie die Stoiker im Privatleben, so dachten die Platoniker den Staat von der absoluten Harmonie her, die nicht durch Ehrgeiz oder Wandel gestört werden dürfe.

Martha Nussbaum schließt sich nun bspw. in ihrem Werk „Gerechtigkeit – oder das gute Leben“ dieser zweifelhaften Tradition an, das eigene Bild vom Menschen zum allgemein notwendigen Lebensentwurf zu verklären. In heutiger Zeit nennen wir eine solche Denkungsart einen naturalistischen Fehlschluss. Von der Art und Weise, wie Dinge von Natur aus sind, kann nicht darauf geschlossen werden, was gut oder als moralisch richtig bewertet werden sollte. Die Frage danach, wie man handeln sollte, ist gesondert davon zu diskutieren, wie der Mensch aufgrund seiner Natur handeln kann. Martha Nussbaums Versuch kommt dabei erst einmal harmloser daher als bspw. der Platons. Sie versucht aus der Anthropologie nur sehr allgemeine Bedürfnisse des Menschen ausfindig zu machen, wie das Bedürfnis nach Nähe oder das nach Nahrung, um dann in der Folge eine Liste an notwendigen Bedürfnissen zu erstellen, welche die Politik bedienen sollte.

Ihre Sub-These dabei ist, dass man diese Bedürfnisse nicht dem freien Spiel der Wahlen einer Demokratie überlassen dürfe, weil die Bürger nicht in zureichendem Maße ihre existenziellen Bedürfnisse selbst erkennen und einklagen könnten. Menschen hätten eine verzerrte Wahrnehmung davon, was sie wirklich benötigten, um ein gutes Leben zu führen und würden daher falsch wählen. Mit diesem Federstreich wischt Nussbaum 200 Jahre aufklärerischer Freiheitstradition beiseite, ohne sich der Folgen dieser schwerwiegenden Aussage bewusst zu sein.

Des weiteren entwirft sie nun einen umfassenden Bedürfnisstaat, in dem nicht von den Bürgern selbst artikulierte, sondern von der Wissenschaft festgestellte Bedürfnisse bedient werden sollen. Bspw. solle die Infrastruktur in Großstädten auf mehr Begegnungen gegen das Übel Einsamkeit ausgerichtet werden, selbst wenn niemand diese nutzte, weil dann niemandem vorenthalten werde, sie zu nutzen, falls er sie denn bei ihrer Existenz möglicherweise doch zu nutzen gedenke. Ein haarsträubendes Bürgerverständnis, das uns Frau Nussbaum hier vorstellt. Auch teilt uns Frau Nussbaum nicht mit, wie denn in der Anthropologie existenzielle Bedürfnisse gemessen werden, wenn nicht durch Beobachtung und Befragung von Menschen, d.h. durch ihre Selbstwahrnehmung. Das wiederum erzeugt das Paradox, dass Menschen einem Anthropologen ihre existenziellen Bedürfnisse freudig mitteilen, sie einem Politiker aber verschweigen würden. Und auch ist ihr Konzept einer rein anthropologisch geleiteten Bedürfnispolitik auch daran zu Fall zu bringen, dass die Anthropologie immer nur über den Durchschnitt der Menschen eine Aussage treffen kann. Was den Durchschnitt der Menschen glücklich macht, macht aber den einzelnen Bürger und Wähler in der Demokratie noch lange nicht glücklich. Und außerdem lässt eine Aussage über die Grundgesamtheit keine Aussage über den Einzelfall zu. Der einzelne Bürger hat vielleicht ein viel weniger starkes Bedürfnis nach Nähe zu seinen Mitbürgern, weit weniger Angst vor Einsamkeit als Frau Nussbaum zu deduzieren bereit ist.

Wer setzt dann aber das Maß fest, nach dem die Politik diesem Ziel zu dienen hat: die Bürger oder die Philosophenkönigin höchst persönlich? Geradezu in einer großzügigen Geste gibt Frau Nussbaum zu, dass keine Liste der menschlichen Bedürfnisse absolut vollständig und dogmatisch vertreten werden könne. Sie sei daher ständig zu diskutieren. Aber von wem, den Philosophen, den Journalisten oder den Bürgern? Wer hat hier die Macht, was durchzusetzen?

Liest man Martha Nussbaum, hat man manchmal das Gefühl, sie denke den Bürger als vollständig unselbstständiges Wesen. In Bereichen wie der Pflege geistig oder körperlich behinderter Menschen, für die man eine geordnete Umwelt erschaffen muss, wären ihre Vorschläge durchaus plausibel. Wesen, die nicht selbstständig genug sind, sich selbst zu orientieren und ihre eigenen Interessen zu verfolgen, muss man bevormunden. Wir als Bürgergesellschaft tun das, weil wir uns als souverän, verantwortungsbewusst und frei verstehen. Nur vor dem Hintergrund der Verantwortung der nicht behinderten Bürger ergibt dieser Paternalismus Sinn. Aber wer ist die Instanz, die bei Nussbaum über dem Bürger steht? Diese Frage bleibt sie uns schuldig und zeichnet das naive Bild einer Herrschaft der reinen Wissenschaft. Die Wissenschaft ist aber immer nur Dienerin des Bürgers, sie kann ihm nicht sagen, was er tun sollte, nur wie er etwas tun kann. Die Verantwortung kann sie ihm nicht nehmen.

Nussbaum schwärmt hingegen für Aristoteles Bild der Politik. Sie zitiert als großartigen Vorschlag und weitsichte Überlegung des Aristoteles, seine Forderung nach einem kostenlosen gemeinsamen Mittagessen für alle Bürger Athens, bei dem man sich dann kennenlernen und wertschätzen könne. Die Bürgerkantine mit nach Durchschnittswerten ausgearbeitetem Ernährungsplan zur Verkuppelungs- und Harmonisierungsstrategie der Bewohner eines guten Staates? Es fehlt eigentlich nur noch die Pfadfinderromantik am Lagerfeuer mit den gemeinsam aufgespießten und über der Flamme gehaltenen Marshmallows. Es schmeckt zwar nicht, aber man saß wenigstens zusammen dort. Martha Nussbaum entwickelt einen naiven Sozialstaat, der zu viel Geld hat und deshalb auch Bedürfnisse fördert, die gar nicht nachgefragt werden. Mit knappen Mitteln kann man so aber nicht rechnen. Und es muss auch gefragt werden, wo die Selbstständigkeit und der Wunsch nach Eigenständigkeit, auch Anstrengung und Herausforderungen bleibt?

Martha Nussbaum scheint den Staat durch die Brille einer beschützenden Mutter zu sehen, die überall die Gefahren für das Kind beim Spielen auf dem Spielplatz erblickt und nirgendwo die Chancen und die normalen Begleiterscheinungen des Lebens zu akzeptieren vermag. Sobald ihre Kinder in Gefahr sind, sieht sie rot und will kein rationales Argument mehr hören.

Alle haben beschützt, ernst genommen und beachtet zu werden. Aber ist es nicht auch Teil des Erwachsenwerdens, sich Achtung erst verdienen zu müssen, zu lernen, das Respekt und Anerkennung nicht einfach vom Baum fallen, sondern sich erarbeitet werden müssen? Dass Leistung und Erfolg, auch Misserfolg und das Lernen aus den eigenen Fehlern ebenso wichtige Leitplanken des guten Lebens sind?

Und auch an der Individualität scheitert Nussbaums gutes Leben. Nur der Bürger selbst kann am Ende entscheiden, was für ihn das gute Leben bedeutet. Niemand kann das vorhersehen oder planen. Natürlich ist der Staat für Notsituationen zuständig und muss dabei auch von offensichtlichen Bedürfnissen ausgehen, z.B., dass der Bürger sein Haus gelöscht haben will, wenn ein Waldbrand ausbricht oder ein Damm zu verstärken ist, wenn ein Hochwasser droht. Aber auch hier würde sich der Bürger, anders als Frau Nussbaum vermutet, allzu schnell zu Wort melden, wenn seine Bedürfnisse nicht beachtet würden. Der freie und mündige Bürger muss schon durch schwerwiegendere Argumente herausgefordert werden, um sein ungemein attraktives Ideal einzubüßen. Was mit dem intuitiv einleuchtenden Begriff des guten Lebens als Klammer der Demokratie beginnt, endet bei genauerem Hinsehen in einer elitaristischen Technokratie. Das ist nicht gerade die attraktive Alternative, die uns Nussbaum zu unserer liberalen Demokratie aufzeigen wollte. Aber die Welt schuldet Frau Nussbaum Dank für die Arbeit, die sie sich gemacht hat, der neuen maternalistischen Wohlfühlsehnsucht der weltweit aufkeimenden linksgrünen Bewegung einen erstaunlich klaren und entlarvenden Ausdruck verliehen zu haben.

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