Erfolg und Risiko in der Marktwirtschaft

Ich entwickle hier einen Gedanken, der an das Buch „Poor Economics“ von Abhijit Banerjee & Esther Duflo aus dem Jahre 2011 anschließt. In dieser umfassenden Studie gehen die beiden renommierten Ökonomen der Frage nach, ob es einen gemeinsamen Lebensstil der Armen dieser Welt gibt. Teilen sie bestimmte Werte, Einstellungen, Schwierigkeiten? Stehen sie immer denselben Problemen gegenüber und lässt sich daraus ein Muster erkennen? Oder handelt es sich um unvergleichbare Fälle, die wir individuell betrachten müssen?

Eines der Themen, die sie aufwerfen, hat mit der Frage zu tun, warum nicht mehr arme Menschen mithilfe von eigenen kleinen Unternehmungen aus der Armut entfliehen können. Sie zeigen an vielen Beispielen aus Afrika und Asien auf, dass diesem prinzipiell wichtigen Weg zu Selbstständigkeit und Wohlstand gerade in den ärmsten Ländern der Welt große Hindernisse im Wege stehen. Ihre Analyse läuft darauf hinaus, dass den noch unerfahrenen Unternehmern die zweite und dritte Chance fehlt, nach dem erstmaligen Scheitern weiterhin unternehmerisch tätig sein zu können. Sie kriegen  bspw. viel zu schnell kein Geld mehr, wenn eine Unternehmung schiefging. Sie müssen horrende Zinsen zahlen, wenn sie in Liquiditätsprobleme geraten. Sie müssen sich dann überschulden, weil es kein adäquates Insolvenzrecht oder limitierte Haftungsformen gibt. Und wenn sie krank werden, müssen sie alle Ersparnisse für teure Behandlungen ausgeben, weil sie keine Kranken- oder Arbeitsunfallversicherungen in Anspruch nehmen können.

Diese Gedanken lösten in mir eine größere Überlegung aus. Erfolg basiert in einer Marktwirtschaft auf der Befriedigung von Kundeninteressen. Doch für diesen Erfolg kann es viele unbeeinflussbare Faktoren geben. Man muss zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle die richtige Idee haben. Marktwirtschaften in entwickelten Ländern unterstützen daher die Versuche von Entrepreneuren, an neuen Ideen zu basteln, auch wenn nur eine einzige aus 100 Ideen eine wirkliche Umsetzung erfährt. Entwickelte Länder nutzen daher den Faktor exponentieller Versuchsanordnungen. Sagen wir, die Erfolgswahrscheinlichkeit eines afrikanischen Jungunternehmers läge bei 7%, dass er mit seinem Geschäftsmodell sein Leben bestreiten kann, wenn er ein neues Unternehmen gründet. Dann sind nach 100 Unternehmensgründungen immer noch 93 nicht erfolgreich und nur 7 können ihm den Weg aus der Armut weisen. Eine kluge Politik wäre nun eine, die ihm die Zeit und die Mittel bereitstellt, so dass er es bis zu einer der sieben positiven Fälle schaffen kann. Dafür braucht es einen funktionierenden Arbeitsmarkt, auf dem er in den Übergangsphasen nach einer missglückten Gründung ein Einkommen erzielen kann, um sich über Wasser zu halten. Dafür braucht es einen breiten Risikokapitalmarkt, an dem er auch kleinste Unternehmungen anmelden und zur erfolgreichen Finanzierung führen kann, ob das nun über eine lokale Bank oder über eine Internet-Crowdfunding-Plattform geschieht. Wichtig bleibt für den Unternehmer nur, dass er die Möglichkeit besitzt, auch nach Misserfolgen wieder von vorn zu beginnen. Es braucht darüber hinaus eine Infrastruktur, die es ihm ermöglicht, seinen Standort zu verlegen, falls die Arbeitsbedingungen in seiner Heimatregion zu schlecht sind. Er braucht eine Kranken-, Unfall-, Pflege- und Lebensversicherung, damit er und seine Familie nicht direkt vor dem Ruin stehen, falls sich eine Unternehmung nicht erfüllen sollte. Er braucht die Möglichkeit, kostengünstig Unternehmungen mit begrenzter Haftung, wie den in der angelsächsischen Welt üblichen Limited Companies, gründen zu können, damit er nicht bei einem Lieferausfall direkt in eine lebenslange Überschuldungsspirale hineingerät.

Mit all diesen Punkten trägt man dem statistischen Zufallsfaktor Rechnung, dass Erfolg in der Marktwirtschaft natürlich stark mit Begabung, Fleiß, Kreativität und Durchhaltevermögen, aber eben auch mit Glück zusammenhängt. In den westlichen Gesellschaften ist uns nicht mehr bewusst, wie stark wir schon versuchen, diesem Faktor mithilfe von öffentlichen Einrichtungen entgegenzuwirken. Sie können einen Anhaltspunkt für die dritte Welt bieten und sie sogar über uns hinausführen.

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