Das Problem des Utilitarismus

Lange Zeit hatte ich geglaubt, dass man den Liberalismus und die Marktwirtschaft auf der Grundlage utilitaristischer Argumente verteidigen müsse. Es sei doch offensichtlich, dass Märkte allen Menschen nutzten. Es sei doch eindeutig, dass der Kapitalismus eine Ordnung erzeuge, die das „größte Glück der größten Zahl“ bedeute?

Doch je genauer ich mich mit den Eingriffen, die wir heute in die Marktwirtschaft, den Rechtsstaat und die Demokratie vornehmen, beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass rein aus utilitaristischer Perspektive immer etwas an einer freien Gesellschaft auszusetzen bleibt.

Das Problem besteht schon darin, wie man das größte Glück der größten Zahl definiert. Wenn man sagt, das Allgemeinwohl bedeutet, dass es keine Armen mehr geben darf, dann ist die Marktwirtschaft immer dann abzulehnen, wenn noch ein einziger armer Mensch in ihr lebt. Und das heißt, sie muss auf diesem Hintergrund immer abgelehnt werden.

Selbst wenn es allen anderen gut ginge, der eine wenig Begüterte würde die Ordnung als unmenschlich erscheinen lassen und erst, wenn sein Einkommen oder sein Vermögen angeglichen wäre an die anderen, könnte man von einer gerechten Ordnung sprechen.

Die Freiheit des Einzelnen führt aber natürlich im Kapitalismus dazu, dass Einzelne auch falsche Entscheidungen treffen. Falsch im dem Sinne, dass sie wenn sie alle Konsequenzen ihrer Handlungen schon zum Zeitpunkt der Entscheidung gekannt hätten, sie sich nicht auf diese Weise entschieden hätten.

Die Freiheit führt auch dazu, dass Menschen mit ihren Zielen, Vorstellungen, Werten und Visionen scheitern.

Wenn man utilitaristisch denkt, muss man logisch zu dem Schluss kommen, dass man die Freiheit abschaffen muss, wenn man möchte, dass es allen Menschen unter allen Umständen immer gut geht. Dass alle Menschen immer zufrieden, gut genährt, medizinisch optimal versorgt und aufgehoben sind.

Wenn man den Menschen als Maschine von außen betrachtet, die bestimmte Inputs braucht, um zu überleben, ist Freiheit ein Störfaktor, weil der Mensch sich darüber täuschen kann, wie er an die benötigten Inputs kommt. Oder er sich zu wenig dieser Inputs einverleibt.

Alle großen Utilitaristen haben das auch erkannt. Bei Jeremy Bentham führte das zu seiner Befürwortung eines umfassenden Überwachungsstaates. Die französischen Jakobiner gingen ebenso vor. Das erste Gesetz der französischen Verfassung von 1793 lautete: „Das Ziel der Gesellschaft ist das allgemeine Glück.“

Robespierre gründete den berühmten Wohlfahrtsausschuss. Wir müssen diese Vokabeln wörtlich nehmen. Wenn man glaubt, das Glück des Menschen von außen bestimmen und festsetzen zu können, und wenn man glaubt, dass man die Fehler des Individuums durch eine weise Führung verhindern könne, muss man die Freiheit des Einzelnen nach und nach zerstören.

Im Terrorregime der Jakobiner wurde das Glück des Volkes herbeiguillotiniert.

Wie kann man sich diesem Denkfehler entziehen?

Man muss konsequent an der Subjektivität der Werturteile des Menschen festhalten. Nur der Einzelne weiß, was er wirklich will. Dieses Wollen ist in sich explorativ. Es macht Fehler. Der Mensch ist aber fähig, durch seine Fehler zu lernen. Die freie Gesellschaft sowie der freie Bürger folgen daher dem Versuch-und-Irrtums-Prinzip.

Mit der Zeit nähern sich die meisten Menschen, wenn man sie lässt, dem an, was sie erreichen wollen.

Die Utilitaristen hängen sich dann an jenen auf, die zu willensschwach, zu wenig intelligent oder von Pech geplagt sind, so dass sie ihre Lebensziele nicht erreichen können. Diese Menschen bedürften doch nun objektiv der Führung durch die wohlmeinende Elite.

Doch das Prinzip lässt sich nicht logisch durchführen. Ab welchem Punkt gewährt man einem Menschen das Recht, vollkommen für sich selbst zu bestimmen und wann hat man den Punkt erreicht, an dem es objektiv notwendig ist, dass er der Führung durch eine weise Elite bedarf?

Es kann kein rationales Kriterium angegeben werden.

Und es ist auch aus dem Grund widersinnig, dass derjenige seine Freiheit ja nicht aufgeben muss, damit ihm von anderen Menschen geholfen werden kann. Es hat schon seit jeher Hilfsorganisationen und die Kirchen gegeben, die sich den gescheiterten Existenzen angenommen haben.

Mildherzigkeit und Mitmenschlichkeit sind hier keine fehlgeleiteten Floskeln. Aber jeder gute Helfer, jeder Sozialarbeiter weiß, dass man jemandem auf Dauer nur dann helfen kann, wenn man ihn in den Stand der Selbstständigkeit versetzt.

Natürlich ist es möglich und durchführbar, Menschen zu ihrem „Glück“ zu zwingen . Manche Menschen ziehen den Zustand dauernder Abhängigkeit der Selbstständigkeit und der Plage der Freiheit sogar vor. Sie drücken sich vor dem Leben.

Wie Matthias Horx so treffend formulierte: „Die Angst vor dem Markt ist die Angst vor dem Leben.“

Aber warum müssen deshalb alle Bürger ihre Freiheit abgeben und sich einem System der Planung unterwerfen, damit es keine Übel mehr in der Welt gibt?

Das ist das Problem des sozialen Konstruktivismus, das bis heute ungelöst ist. Es akzeptiert die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit derer nicht, die nicht der Hilfe bedürfen und die nicht bereit sind, sich für das große Wohl aller einer weisen Führung zu unterwerfen.

Solange nicht alle Ergebnisse der Gesellschaft im Sinne der Elite bestehen, wollen die wohlmeinenden Diktatoren die Gesellschaft steuern, in sie eingreifen, sie zum besseren lenken, gute Gesetze machen, damit es allen besser gehe.

Man kann sehr klug planen für die Bürger. Die heutigen Regierungen haben aus den Fehlern des staatssozialistischen Experiments viel gelernt. In Singapur wird nicht blind umverteilt und es werden auch keine Preise diktiert. Es wird nicht versucht, im Politbüro das nächste High-Tech-Gerät zu entwickeln.

Die Freiheit der Märkte wird so weit zugelassen, wie die Mächtigen glauben, dass es für die Menschen tragbar ist.

Dann gibt es einen Punkt, an dem sie ihre Bürger entmündigen und ihren vorschreiben, wie viel sie im Staatsfond zu sparen haben. In was sie wie viel Geld zu investieren haben und was sie für ihre Familie ausgeben dürfen.

Das ist in Singapur bisher sogar sehr erfolgreich gelungen. Aber die Freiheit des Einzelnen wird trotzdem durch ein solches System missachtet. Warum darf der Einzelne nicht selbst entscheiden, wie er für sein Alter vorzusorgen gedenkt?

Warum darf er nur eine Wohnung nach Maßgabe der Regierung besitzen? Warum wird er ausgepeitscht und mit dem Tode bedroht, wenn er winzige Mengen gewisser Drogen zu sich nimmt, oder mit ihnen Handel treibt?

Die hässliche Seite der Macht lässt sich nicht abschütteln. Korruption und Vetternwirtschaft ließen sich bisher auch in Singapur nur schwer und nur mit harter Hand bekämpfen. Wie lange das anhält und wie lange die Elite ihre Macht nicht mißbraucht, steht in den Sternen.

Die chinesischen Kommunisten orientieren sich an dem Modell Singapurs. Es ist die Wiederkehr eines wissenschaftlich-aufgeklärten kollektivistischen Utilitarismus.

In Europa und den USA folgen wir hingegen einem pseudo-wissenschaftlichen Utilitarismus, der noch an die Fabeln des Antikapitalismus und des Ökologismus glaubt. Da man den europäischen und US-amerikanischen Weg aber allein aufgrund der mangelnden wissenschaftlichen Basis und der Nützlichkeit der Maßnahmen kritisieren kann, gehe ich hier mehr auf den singapurischen Weg ein, der diese Probleme aus dem Feld geschlagen hat.

Die Bürger werden nicht dazu erzogen, selbstständig zu denken. Was aber, wenn die Elite einmal versagt oder einen Fehler begeht? Wie sollen die Bürger dann ein Korrektiv bilden, wenn ihnen immer nur die Rolle des stummen Befolgers der Befehle einer weisen Elite zugedacht wurde?

Das Modell des kollektivistischen Utilitarismus geht immer nur unter der Prämisse auf, dass die Elite nicht zur Gesellschaft gehört. Die Gesellschaft, das sind die Untertanen, die wie ein Ameisenstaat von außen zu organisieren sind. Man legt ihnen einen Brotkrumen hin und schon umspielen die Winzlinge das Objekt in der geplanten Weise.

Man überlässt den Ameisen die Ausgestaltung der Gesellschaft, solange sie sich in den Bahnen bewegen, welche die Planer für sie vorgesehen haben. Es gibt Korridore der Freiheit, die nicht verlassen werden dürfen.

Bei dem großen Liberalen Ludwig von Mises ist der Utilitarismus hingegen an die subjektive Wertlehre gebunden. Der Einzelne entscheidet für sich, was er will und welchen Zustand er durch sein Handeln dem bisherigen vorzieht.

Dadurch entsteht eine Ordnung, die das Wohl aller dadurch mehrt, dass jeder Einzelne entscheidet, was für ihn das zu erstrebende Wohl ist. Das Gemeinwohl ist nur eine geistige Abstraktion des Wohles jedes Einzelnen.

Das Recht auf ein Streben nach Glück ersetzt die Staatsaufgabe, das Glück aller herzustellen. Man könnte zwischen dem formalen Allgemeinwohl (verstanden als Recht auf Streben nach Glück) und dem materiellen Allgemeinwohl (verstanden als Recht auf konkrete Glückszustände) unterscheiden.

Warum meinte Mises aber, dass der Kapitalismus eine Ordnung ist, die das Glück aller mehrt? Ich glaube, man muss hier seine Anthropologie und seine Gesellschaftstheorie im Hinterkopf behalten. Bei Mises ist es so, dass die Menschen im Urzustand im Krieg aller gegen alle leben.

Zwar weiß er, dass ein solcher Zustand wahrscheinlich eher dem Krieg jedes Stammes gegen jeden Stamm geglichen haben wird, aber als Vereinfachung nimmt er dieses Bild an. Hier kann jeder Mensch sein Leben nur durch das Beutemachen, nur durch das Gewaltprinzip, verbessern.

Wer mehr Land erobert, seinen Gegnerstamm niederringt und ausraubt, sich die Frauen der Feinde versklavt, der profitiert. Wer unterliegt, verliert an Vermögen. Es ist ein Nullsummenspiel.

Erst die Arbeitsteilung zwischen den Stämmen, das heißt das Auftauchen des Phänomens der Gesellschaft im Unterschied zur Gemeinschaft, erlaubt es, das alle gemeinsam durch Kooperation profitieren können.

Das Gewaltprinzip wird nicht durch das Auftreten eines einsichtigen Pazifismus verdrängt, sondern durch das gemeinsame Streben nach Glück ersetzt. Natürlich unter der Voraussetzung der Gewährung gleicher Freiheitsrechte für alle.

Im Stamm, in der Sippe und der Familie ist es für Mises vollkommen klar, dass der Einzelne sich der Gruppe unterordnet, um zu überleben. Die Freiheiten eines Urmenschen im Stamm ist äußerst begrenzt. Er ist von seiner Sippe absolut abhängig und daher gibt es zwischen ihm und den anderen auch keine Verträge und kein Recht.

Der Mensch schält sich als Individuum erst in der Gesellschaft heraus und löst sich aus den rein tierischen Bindungen des Leibes. Die Frage nach Selbstständigkeit des Einzelnen kann erst in der großen Gesellschaft auftreten. In der kleinen Sippe ist der Einzelne niemals frei.

Es ist, wie Hayek betont, daher genau der Fehler der Konstruktivisten, die Gesellschaft nach dem Vorbild der Sippe oder des Stammes zu organisieren. Die Arbeitsteilung war gerade die Überwindung des Stammesprinzips.

Wenn Menschen die Wahl haben, wollen sie frei sein. Sie wollen auch ihr Leben verbessern können, das ist klar. Man will schon lieber in Singapur als in Venezuela leben. Aber am liebsten würde man in Verhältnissen leben, in denen man frei ist, und in denen man diese Freiheit ausnutzen kann, um sich persönlichen Wohlstand zu erarbeiten.

Der Utilitarismus muss zurückgedrängt werden durch den Liberalismus. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, der akademischen Schichten, der Medien oder sonst einer Elite für das Glück aller zu sorgen. Der Staat muss dem Streben des Einzelnen gegenüber neutral sein. Fehler und Missgeschicke gehören zum Leben dazu.

Hilfe kann nicht per Zwang eingeführt werden. Die Aushöhlung des Eigentumsrechts unterwandert gerade die Bedingungen einer freien Gesellschaft. Die liberale Gesellschaft im Sinnbild New York Cities ist rau, gewaltig, unpersönlich und kalt. Aber sie hat eine ungemeine Dynamik. Sie hat Platz für jede Ethnie, Religion, Hautfarbe und Alter. In New York werden über 200 Sprachen gesprochen, 40% der Einwohner New Yorks kommen nicht aus den Vereinigten Staaten. Jeder Mensch kann sein Glück hier in die Hand nehmen und sich etwas erarbeiten.

New York wurde der rauen See abgerungen, von den armen müden Massen geprägt, die vom Hunger Europas geplagt, ein besseres Leben suchten. Das ist Gesellschaft. Das ist Freiheit.

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