Beantwortung der Frage: Was ist ein Gutmensch?

Der Gutmensch ist ein immer häufiger anzutreffendes Wesen. Er hat zwei Beine, einen kleinen Kopf, trägt meist einen selbst gestrickten Pullover und eine Hornbrille. Der Gutmensch lebt in der Klimazone Großstadt. Er fühlt sich der Natur verbunden, auch wenn er die Gewalt der Natur nur aus der Ferne und der Überlieferung nach kennt. Für die bedrohte Knoblauchschildkröte schlägt sein Herz, aber vor jeder Spinne im Haus wird ihm Angst und Bange. Ihn verwundert es immer wieder, dass Katz und Maus nicht einfach friedlich und nach einem Handschlag selig beisammen wohnen können. Aber von vorn: Die Entstehung des Gutmenschen hat eine lange evolutionäre Geschichte hinter sich.

Der Gutmensch, das ist eine neue Untergattung von Mensch. Sie schließt lose an das Ideal des Humanismus an, geht dabei aber weit über diesen hinaus. Der alte Humanismus bedeutete eine Mutation des gläubigen Menschen hin zu einer Befreiung von kirchlichen Dogmen. Durch den Humanismus wurde der Sündenmensch hinter sich gelassen und vom sakralen Thron der Anerkennung gestoßen. Das neue Menschheitsideal der Humanisten war nun vielmehr das Universalgenie. Ein Gelehrter, der sich der Antike verbunden fühlte und wieder eine geistige Elite abseits der engen Dogmen der Religion bilden wollte. Er inkarnierte sich in Leonardo da Vinci, dem Maler, Erfinder, Wissenschaftler und Philosophen. Der Universalgelehrte wollte wieder den frischen Wind spüren, der die Blätter durcheinander weht und nichts bestehen lässt, wie es war. Er wollte endlich sehen können, was hinter dem Zaun liegt, der seinen Horizont stets begrenzte. Und er hatte Erfolg. Seine Sehfähigkeiten und seine Auffassungsgabe erweiterten sich ungemein. Doch der Siegeszug des alten Humanismus hatte einen Schwachpunkt.

Das Dreigespann aus Hochkultur, Kunst und Bildung als Leitideal war höchst exklusiv. Auch wenn es eine Befreiung war, ein Menschenbild zu propagieren, das herausstellte, wie kreativ, klug und weise der Mensch sein kann, so sind die meisten Menschen, das lehrt uns zumindest die Erfahrung, keine Universalgenies. Die meisten Menschen sind überhaupt keine Genies. Um aber das positive Weltbild des Humanismus voranzutreiben, verwässerte man sein Leitbild nach und nach. Es reichte nun, dass Menschen, dem Potenzial nach, gebildet sein könnten. Schon das allein machte sie zu Wesen von unschätzbarem Wert. Bis man schließlich bei der Überzeugung anlangte, dass schon durch die Geburt jeder Mensch ein wertvolles und an sich zu schützendes Geschöpf sei. (Eine interessante Rückkehr zur christlichen Lehre von allen Menschen als Gotteskinder, wie man meinen könnte, aber das sei hier nur nebenbei bemerkt.) Der Gutmensch nun aber treibt diese Idee der umfassenden Inklusion und der absolut positiven Besetzung des Menschen auf die Spitze. Er will nicht nur erkannt haben, dass Menschen an sich wertvoll und schützenswert, sondern dass alle Menschen ihrem Wesen nach gut seien. Das Gute sei das, was den Menschen wahrhaft menschlich mache. In diesem Bestreben geht er eine alte Verbindung mit dem Irrationalismus ein, denn das Rationale im Menschen treibe ihn von seinen Mitmenschen fort.

Egoismus, Gewinnstreben und das mit abstrakten Gründen gerechtfertigte Handeln erscheint dem Gutmenschen als kalt und rein kalkulatorisch. Ungezählt sind die Geschichten der Popkultur, in denen der erfolgreiche Unternehmer durch die Familie gezähmt und wieder auf den rechten Weg der Tugend gebracht wird. Der Sammler und Vernunftmensch soll wieder in den Schoß der Menschheit finden, indem er seine Gefühle wiederentdeckt. „Mitfühlen, nicht denken!“ – heißt die Devise des Gutmenschen daher. Man erinnere sich an den alten Wall Street-Film von Oliver Stone, in welchem dem gierigen Investmentbanker Gordon Gekko den im Herzen doch feinfühlige Aufsteiger Bud Fox an die Seite gestellt wird. Bud kann noch geheilt werden und besiegt sein böses Inneres, Gekko, verkörpert durch Michael Douglas. Seine düstere Seelenseite ringt er nieder, die nur die Gewinnsucht kennt. Hämisch könnte man bemerken, dass Gordon Gekko und nicht Bud Fox die Lieblings- und Heldenfigur des Publikums wurde.

Aber zurück zum Gutmenschen. Seine Liebesgeschichten beginnen meist an dem Punkt, an dem der Protagonist aus der Welt der Arbeit und des Fleißes aussteigt, den Alltag verlässt und sich auf die Suche nach Vergnügungen und Abenteuern begibt. (Man denke an „Pretty Woman“, „Titanic“, „Sex-and-the-City“ oder sogar Klassiker wie „Anna Karenina“). Der Gutmensch ist daher interessanterweise sowohl infantil als auch übermoralisch. Er ist infantil, weil er das unverbrüchlich Kindliche für das rein Menschliche hält. Das unverdorbene Hinwegsetzen über Normen und rationale Verhaltensweisen erscheinen ihm beim Kind rührend und nachahmenswert, bei Erwachsenen jedoch und da wird er zum Lehrer, duldet er kein einziges Fehlverhalten im Sinne von egoistischem Verhalten. Jeder, der die Harmonie und das wohlige Beisammensein stört, wird zu einem Unmenschen erklärt. Der Unmensch ist krank und muss geheilt werden. Er wird psychiatrisiert. Ein Mensch, der seine Gefühle kontrollieren und sich ihnen nicht hingeben kann, wird von ihm bis aufs Blut bekämpft. Er hält einen solchen Menschen für unnatürlich und was unnatürlich ist, darf nicht sein.

Hysterie und Panik, Harmonie und Herzenswärme sind die Antagonisten in der Brust des Gutmenschen, die ihn stimmungstechnisch bestimmen und seinen Meeresspiegel ausmachen. Mal schlägt er zur einen, mal zur anderen Seite, aber bestimmend sind die ethischen Gefühle, nicht der Verstand, der ihn zu mehr Abstand und Ruhe bringen könnte. Der Logos ist der langweilige Ehemann, der durch den Gutmenschen gegen ständig wechselnde Romeos ausgetauscht wird. Ein heißes Spiel mit dem Feuer, das ihn nicht zur Ruhe kommen lässt und dem Gutmenschen ständig den Atem raubt.

Der Gutmensch ist daher sowohl Folge des Fortschritts, als auch Sägen an seinem Ast. Denn der Einzug des Irrationalismus, des Anti-Ökonomischen und der Romantik als Flucht vor der Zivilisation machen ihn gefährlich. Was der Gutmensch verkennt, ist, dass die Gefühle den Menschen nicht einmalig machen. Auch ein Hund kann treu und ergeben, liebevoll und zuneigungsfähig sein. Er hört stets zu, was sein Herrchen zu sagen hat und tollt herum, wenn man ihm eine Spielwiese vorsetzt. Was den Menschen von allen Tieren unterscheidet, und das mag der Gutmensch überhaupt nicht hören, ist nun einmal sein Verstand und seine Vernunft. Die Aufklärer vertraten deshalb die Lehre von der Erhebung des Menschen über seine bloßen Instinkte. Dabei vergaßen sie allerdings nie, anders als der Gutmensch glauben mag, dass der Mensch nicht nur vernunftgemäß handeln könne. Die Aufklärer sagten vielmehr, dass die Ziele des Menschen wie Wohlstand, Familie, Freundschaft und Lebensglück allesamt subjektiv und irrationalistisch im Sinne von außerhalb der Rationalität stehend seien. Es sei gerade die Verbindung aus der tierischen Herkunft des Menschen, die ihn zu seinen biologisch determinierten Zielen triebe und seinem Verstand, der ihn diese Ziele hinterfragen, auf unterschiedliche Weise verfolgen oder sogar zurückstellen ließe, welche den Menschen besonders und vor allem besonders klug machten. Klug sei nicht, wer nur fühlt, sondern wer über seine Gefühle nachdenke, sie zu lenken, zu verstehen und zu kontrollieren vermöge. Wer sich seinen Gefühlen bewusst hingebe, müsse nicht irrational sein.

Das alles erscheint dem Gutmenschen suspekt. Die heilige Sphäre der Gefühle mit Rationalität zu fluten, ist für ihn ein Sakrileg. Eine Verbindung aus dem Guten und dem Schlechten kann man ihm nicht schmackhaft machen. Hatten die alten Griechen in ihrer naiven Vorstellung noch behauptet, die Seele bestünde aus drei Teilen, die in einem unversöhnlichen Streit um die Vorherrschaft des Geistes stünden, als da wären der Logos, der für den Verstand steht, der Thymos, der für den Mut, die Unternehmenslust und die Suche nach Abenteuer steht, und der Eros, der für die Liebe, die Freundschaft und die Partnerschaft steht, so ist der Logos für den Gutmenschen nur der unsichtbare Dritte. Hatten die Griechen den Sieg der Zivilisation mit dem Sieg des Logos über den Eros und den Thymos gleichgesetzt, so liefern sich beim Gutmenschen lieber Eros und Thymos einen heftigen Hahnenkampf um die Hegemonie und um die Unterdrückung des zum Winzling verkommenen Logos. Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe. Der Gutmensch bleibt ein unglückliches Tier. Die Gefühle wanken ständig umher und weisen ihm keinen eindeutigen Weg. Hatte er eben noch das Gefühl, das Glück der Welt einzuatmen, wird er im nächsten Moment von der Panik des Augenblicks erdrosselt. Er bleibt gelähmt, passiv und seinem Schicksal ergeben.

Politisch steht der Gutmensch immer auf der guten Seite. Er sortiert die Nachrichten nach seinen festen Vorstellungen und vorverarbeiteten Schemata der Gutheit. Kleine Initiativen ohne jede nachhaltige Wirkung sind gut, Großkonzerne sind böse. Utopische Vorschläge, die seinen Wunsch nach absoluter Gutheit erfüllen sind gut, Kompromisse und Detailfragen sind böse. Generell sind Industrie, Kapitalismus, Geld, Banken, Fleisch, Wurst, Käse, Eier, Feldarbeit, Leiharbeit, Militär, Konservative, Mieterhöhungen, die Tea-Party, die Familie Bush und die Rockefellers böse. Selbstgestrickte Kleidung, Tee ohne Geschmack, kurze Duschzeiten, Hausbesetzer, Gewerkschaften, Lohnerhöhungen, Urlaub, Reisen, Spaß, Körpergeruch und Promiskuität sind dagegen durchweg gut. Die Diskussion um die Grundfreiheiten und die Forderung nach einer Aufhebung des Marihuana-Verbots stehen für ihn auf einer Wichtigkeitsstufe.

Überhaupt ist Marihuana, Haschisch, Dope, Weed und Haze, das Allerwichtigste. Es muss am besten immer und überall danach riechen. In der Stadt, am Arbeitsplatz, im Auto und Zuhause. Der Diesel verpestet die Luft, sein Marihuana reinigt es wieder. Der Gutmensch weiß sich daher politisch immer zu äußern. Sein Weltbild ist festgezimmert und festgenagelt, wie Jesus Christus am Kreuz. Der Gutmensch überlebt gesellschaftlich daher nur in Horden seiner politischen Couleur. Die Vorstellung, dass es auch andere Sichtweisen geben könne, widert ihn an und lässt ihn erschaudern. Er würde mit seinem politischen Gegner gern das tun, was Kain mit Abel tat, wenn es die Verfassung nur zuließe. Aber leider funkt ihm hier die Polizei dazwischen, die natürlich auch böse ist. Wie überhaupt jede Form von Staatsgewalt und jeder Politiker böse ist. Er fühlt sich deshalb ständig von Feinden umgeben, als würde er in einem kleinen gallischen Dorf leben. Hat er allerdings seine natürlichen Fressfeinde aus dem Feld geschlagen, macht er sich gern sesshaft und neigt zur Apathie.

Wie lange der Gutmensch in unseren Breitengraden noch zu finden sein wird oder ob es nicht vielmehr dazu kommt, dass er einmal eine bedrohte Art werden könnte, vermag niemand zu sagen. Man sollte sich vor seinen kollektiven Hasswellen und seinen einseitigen Moralisierungen in Acht nehmen, ansonsten erscheint er aber als ein harmloses und zahmes Wesen, das sich gern füttern lässt.

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