Achtung, Bildungskanon – Wer mitsingen will, muss auf Einstimmigkeit achten

Ein Bericht

  1. Die Schlinge zieht sich zu

Wer sich die Universitäten Europas seit dem Bologna-Prozess ansieht, der erblickt ein reges und pulsierendes Treiben. Punkte werden gejagt, Kurse absolviert, Leistungsnachweise eilig und fleißig erbracht. Die Studenten sind angehalten, ein gleichbleibendes Tempo ihrer Wissensbemühungen an den Tag zu legen. Der Alltag ist streng getaktet. Es müssen Referate in nächtlichen Sitzungen vorbereitet, wöchentliche Zusammenfassungen der spannungsgeladenen Vorlesungen abgegeben und streng kontrollierte Anwesenheitslisten ausgefüllt werden.

„Wenn ich nicht jetzt losrenne, verpasse ich meinen nächsten Kurs“, sagt Anneliese, zweiundzwanzig Jahre alt, Soziologie-Studentin. Auf die Frage, warum sie den noch gerade so zu erhaschenden Kurs gewählt habe, antwortet sie: „Ach, keine Ahnung, der hat gut in meinen Wochenplan gepasst. Außerdem klang das Thema super interessant: ‚Prohibition im 20. Jahrhundert’. Da habe ich mir nur gedacht, Prohibition? Das ist doch der älteste Beruf der Welt? Darüber wollte ich schon immer mehr wissen!“

Die Universität wird hier zur Hetzjagd, zum Dschungelcamp des Wissens. Wer hier was studiert und aus welchem Zweck ist zweitrangig. Hauptsache, man hält durch. Der Kampf gegen das System zählt und damit die heroische Geste, in der man sein Päckchen trägt.

„Warum ich VWL studiere? Die Frage habe ich mir noch nie gestellt.  Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte. Ich wusste nichts über das Fach, als ich hier anfing und seitdem ich studiere, habe ich auch noch nicht begriffen, was mir das alles mal bringen soll. Aber ich bin ja auch erst im 3. Semester. Ich denke mal, dass wir den Sinn unseres Faches eh erst im Master beigebracht bekommen“, sagt Björn, neunzehn Jahre alt, angehender VWLer.

Gesucht sind fleißige Bienchen, die keine Fragen über den Sinn des Betriebs stellen. Das Studium eines Bachelors oder Masters ähnelt mehr und mehr der Suche nach dem Passierschein A38, dem Asterix und Obelix in dem berühmten Film „Asterix erobert Rom“ nachjagen müssen, deren Erlangung sie aber in den Wahnsinn treibt, solange sie gewillt sind, bei Verstand zu bleiben.

2. Ein Fest der betriebsamen Eintönigkeit

Die höhere Bildung ist zu einer Runde Fließbandarbeit im Akkord verkommen. Wirklich nachdenken tut hier niemand mehr. Zeit für ausufernde Lektüre hat hier keiner. Ein straffer Plan führt durch die Semester und von allen Freuden des freigeistigen Strebens weit fort. Statt dass sich die Studenten gern über ihre letzten Seminare oder aufregende in langen Tagen und schlaflosen Nächten verschlungene Literatur unterhalten, flüchten sie sich bei jeder Gelegenheit schleunigst in das ortsansässige Nachtleben mit Rausch und Tanz, um den Plagen der täglichen Stoffmenge endlich zu entkommen und alles, was sich nach geistiger Anstrengung anhört, endlich von sich weisen zu können.

„Dass ist wie den Kopf einmal durchspülen und wieder frei bekommen“, sagt Anneliese, als ich sie später am Tag auf dem Weg in die Stadt wiedersehe. „Sechs Tage lernen und dann einen Tag Party, Gras und Alkohol, sonst halte ich das nicht aus! Sonst hat man doch kein Leben mehr!“

Sie dreht sich um und geht mit ihrer erhobenen Weinflasche auf ihre kreischenden Freundinnen zu. Lernen ist zum Beruf geworden. Die Freude und der Spaß am Begreifen und Verstehen der Welt wird eliminiert durch den Stacheldraht, den die Universitäten um ihre Fächer ziehen. Sie umstellen sie mit Selbstschussanlagen und Landminen, die sie »Leistungsnachweise«, »ECTS-Punkte« und »student-work-load« nennen. Wer sich außerhalb des zugelassenen Geländes aufhält, bestreitet nicht lange sein akademisches Leben. Die Studienordnung, das Prüfungsamt und die Fakultätsleitung zerteilen ihn in tausend Stücke, um die eigene Ordnung zu wahren. Sie sind zu allem bereit und leisten sogar Beihilfe zum Tod durch Matrikelnummer, wenn nötig. Denn Sporen müssen eben sein, um den Weg zum heiß ersehnten Abschluss kostbar zu machen und den jungen Menschen die Ehrfurcht vor dem Betrieb einzuimpfen. Die Universität ist groß und stark und du bist hier nur eine kleine Nummer, ohne jede Bedeutung. Für dich machen wir keinen Finger krumm, wenn man uns nicht dazu zwingt. Ausnahmen und Menschlichkeit interessieren die Formulare und Vorschriften nicht, hinter denen sich die freundlichen Beamten verstecken können.

3. Auf Stoff: Die Materie ersetzt den Inhalt

Dabei wird nicht nur die Freiheit der Studenten durch die neue Lernolympiade von Bolognia in Frage gestellt, auch die Funktionen und Arbeitsweisen der Professoren wurden angepasst. Sie sind heute zum ewigen Papierkrieg gegen die Studenten verdammt. Galt früher einmal die naive Ansicht, dass jemand, der ein Studium beginnt, selbst daran interessiert sein sollte, es abzuschließen, sind heute die Professoren selbst für diese Motivationslage verantwortlich. Nicht der Student muss sich bemühen, bei dem Professor eine Prüfung abzulegen, insofern er denn gewillt ist, vielmehr muss der Professor kontrollieren, wann wie und wo der Student welcher Prüfungsordnung gemäß welche Leistung zu erbringen hat. Er muss seinen Studenten hinterherlaufen und ihnen Beine machen, damit sie in genau den Portionen ihre Häufchen legen, so dass er auch noch die Zeit findet, sie aufzusammeln. Die Überforderung der meisten Professoren mit dieser Tätigkeit führt dazu, dass die Studenten sich wie früher um ihren Abschluss bemühen müssen, aber nun nicht mehr, indem sie direkt an ihren Leistungen arbeiten, sondern indem sie ständig ihren Professoren hinterherlaufen, ob sie nun endlich die Erlaubnis erhalten, eine Prüfung abzulegen. Ein ganzes Studium kann sich um Semester verzögern, wenn die Professoren mit ihren Korrektur- und Anweisungsfristen nicht auf Trab genug sind. Professoren und Studentenschaft stehen sich in dem Kampf um den Abschluss daher ständig entgegen, stellen sich gegenseitig Beine und verhalten sich dabei wie eine unbeholfene Imitation von Stan und Olli.

Aber auch der Inhalt der Fächer hat sich radikal verändert. Für die absolute Vergleichbarkeit der Studiengänge sind nun alle Lehrpläne nahezu harmonisiert. Die Themen, die Denker, die Bücher, die es zu behandeln gilt, sie gleichen sich mehr und mehr in allen Universitäten Europas. Damit auch ja keine Unterschiede entstehen, durch die Art und Weise, wie etwas gelehrt wird, muss sich aber auch der Stil der Professoren angleichen. Alle müssen die gleiche Standardinterpretation der Standardliteratur im Standardvokabular unter Hinzufügung der Standardlehrmittel liefern. Wie konnte uns nur entgehen, welch genialer Plan hier zur Steigerung der Qualität der Lehre ausgeheckt wurde? Schon seit jeher war es doch das Geheimnis guten Unterrichts den Durchschnitt zum Maß aller Dinge zu erheben. Das kennen wir alle noch aus der Schule, wenn früher im Deutschunterricht Aufsätze geschrieben wurden, hat der Lehrer uns ja auch damit angespornt, dass wir einen mittelmäßigen Aufsatz eines Mitschülers zum Leitbild unserer ganzen Klasse erhoben und diesem nun alle gemeinsam nachstrebten. Die Guten wurden endlich auch mittelmäßig und die Schlechten imitierten solange die Mittelmäßigen in Schreibstil und Wortwahl, bis der Lehrer Mitleid mit ihnen hat und ihnen aufgrund ihrer Anstrengungen ebenfalls die Note „Mittelmaß“ zuteilt. Manchmal liegt das Offensichtliche so nah, dass man es partout nicht sehen will. 

Außerdem sind die Professoren angehalten, Abstand zu ihren Studenten zu halten. Sie dürfen keine Förderung der Guten betreiben, dies liefe dem Zweck gleicher Lernverhältnisse zuwider. Dass die Förderungslandschaft von altertümlichen Gutachten ebensolcher privater Seilschaften und Bindungen abhängt, tut da nichts zur Sache. Nur die objektiven Maßstäbe mittelmäßigen Unterrichts können dem Lehrenden einen bleibenden Eindruck über die Außergewöhnlichkeit seiner Studenten verschaffen. Von der Studentenschaft entfremdet, flüchtet der deutsche Professor, sobald die Klingel geläutet hat, in sein Privatleben. Er hat keine Zeit für weitere Fragen, für ein nettes Pläuschchen mit seinen Schützlingen. Jedes Engagement kann gegen ihn verwendet werden. Jeder private Zirkel, den er sich hält, um Talente für die Forschung ausfindig zu machen, rückt ihn in ein schiefes Licht. Es könnte ja soweit kommen, dass der Herr Professor mit seinen Studenten sogar über Politik und Gesellschaft diskutiert! Unter Ausschluss der Öffentlichkeit! Wer weiß, was der denen dann für Flausen in den Kopf setzt! Soweit darf es nicht kommen. Am Ende wird dort noch ernsthaft debattiert, so richtig, mit eigener Meinung und eigenem Standpunkt.

Das wäre in der Tat der Alptraum jeder Bolognia-konformen Abstandsutopie zwischen Studenten und Lehrkörpern, in der die Vorstellung vorzuherrschen scheint, dass Studenten am besten durch abgerichtete, unpolitische, uninteressierte und langweilige Professoren zu selbständigen Denkern erzogen werden können, die nur einen durch den Mainstream vorgegebenen und von jeder Kontroverse gereinigten Stoff herunterbeten dürfen.

4. Wege aus der Tretmühle

Was man als Fazit aus all dem Irrsinn ziehen kann? Viele Wege führen zwar nach Rom, aber deshalb noch nicht ins Kolosseum. Nur weil eine neue unglaubliche Menge über zwei Millionen junger Menschen in Deutschland bspw. studieren kann, heißt das nicht, dass all diese jungen Leute klüger werden als ihre Vorgängergenerationen. Denn es ist entscheidend, was mit diesen jungen Menschen veranstaltet wird und nicht nur, dass sie ein Gebäude mit der Aufschrift „sapere aude“ betreten und am Ende glauben, dies heiße: „Zuhören und Mund halten“. Wenn man sich darüber beklagt, dass ein großer Teil der Studentenschaft nicht bereit ist, sich wissenschaftlicher Methoden zu bedienen, kein Interesse an echter Fachliteratur zeigt und auch zum wissenschaftlichen Arbeiten bei genauerem Hinsehen vollkommen unbrauchbar erscheint, gleichzeitig aber das Studium als neue Voraussetzung für alle möglichen praktischen Berufstätigkeiten angesehen wird, warum teilen wir das Universitätsleben dann nicht auf? Es mag sein, dass ein Studium, welches als Ausbildung für eine außeruniversitäre Laufbahn angedacht ist, nicht anders als mit vielen Prüfungen und kleinen Lernportionshäppchen der Masse an jungem Gemüse schmackhaft gemacht werden kann, aber das freie und wissenschaftliche Arbeiten sollte von diesen Problemen befreit werden. Jemandem, der mit Leib und Seele gern studiert, den muss man zur Lektüre von Fachbüchern nicht hintragen und auspeitschen, sondern nur hin und wieder auf neue Inhalte aufmerksam machen. Ein Student, der es mit der Wissenschaft ernst meint, schreibt und liest gern, der kommt von sich aus auf den Professor zu, weil er etwas lernen will. Deshalb verlangt es ihn aber auch nach mehr, als nur nach einem durchschnittlich begabten Gegenüber. Er braucht ein Vorbild, einen Charakter, einen umfassend gebildeten Lehrer, der ihn dauerhaft für das Fach begeistert und der seinen Wissensdurst und seine Neugier teilt. Diesen Professoren muss es erlaubt sein, möglichst wenig bürokratischen Aufwand für ihre Studenten betreiben zu müssen. Diese Leute sollen schließlich nachdenken. Und die Bürokratie, so viel scheint sicher, denkt nicht. Die Professoren müssen Zeit und Aufmerksamkeit für ihre Studenten haben. Sie müssen sie kennen, persönlich mit Namen, Hintergrund, Motivationslage und Zielvorstellungen. Sie müssen Förderkurse, abendliche Treffen und Forschungstage für sie organisieren können, so dass sie besser an die Forschung herangeführt werden. Die Studenten wiederum müssen in der Wissenschaft von den vielen Zwischenprüfungen befreit werden. Wer muss einen Bücherwurm darin prüfen, ob er ein Text zusammenfassen kann? Wichtig ist, was er selbst zu sagen hat. Und dafür braucht man Zeit. Auch zählt beim reinen Denken nicht die Menge des Stoffs, sondern die Qualität der Gedanken. Weniger Prüfungen, mehr Denkaufgaben –wäre daher die Devise für eine Neuordnung. Für die Wissenschaft wäre daher eine Art Neo-Diplom, von mir aus weiterhin als Bachelor oder Master getarnt, sinnvoll. Der Bachelor auf zwei Jahre verkürzt, dafür eine große Prüfung nach 4 Semestern, in denen ein breites Wissen über das Fach und eine spezifische Kenntnis von Interessensfeldern abgefragt wird. In mehreren mündlichen und einer großen schriftlichen Prüfung. Vorher wird vier Semester lang gar nichts abgefragt. In dieser Zeit wird einfach erstmal das Fach in all seinen Facetten erlernt. Dann sollte es zwei Semester geben, in denen Wert auf schriftliche Arbeiten gelegt wird, denn erst jetzt besitzt der Student überhaupt ein Grundlagenwissen, auf dem eigene Gedanken aufbauen können. Jedes Semester schreibt er dann zwei Arbeiten zu eigener Themenwahl. Hauptsache eine eigene Geistesleistung ist nachweisbar. Ob dann noch eine eigentliche Bachelorarbeit nötig wäre, ist Geschmacksache. Die Millionen an sinnlosen Textkadavern in den Universitätsarchiven sprechen eher dagegen. Ebenso erginge es nach einer Reform dem Master, der tatsächlich auf das Doktorieren ausgelegt werden sollte und keine blinde Verlängerung der Hetzjagd durch das Mittelmaß mehr sein darf, wie er es heute zu sein pflegt. Die Professorenschaft teilte sich ebenso wie die Studentenschaft in einen praktisch veranlagten und einen wissenschaftlich orientierten Teil. Ein guter Wissenschaftler braucht keinen Lehrplan. Er referiert einfach über sein Themengebiet, frei und ungezwungen, weil er sein Fach ohnehin im Schlaf vorbeten kann. Anfang und Ende seiner Vorträge bestimmte nur die läutende Glocke am Ende des Kurses. Die Standardtexte kann der Student selbst lesen.

Was er davon hält, sollte Gegenstand der Seminare sein. Diskurs und Streit, Widerspruch und Unklarheit müssten wichtiger werden, als vorgefertigte Antwortspiele und das Sammeln von Fleißpunkten, die von einer unangenehmen Schleimspur begleitet werden. Kurzum – die Universitäten müssten befreit werden. Institutionen dürfen nicht wichtiger sein als Menschen. Ein vorgefasster gesellschaftlicher Plan darf nicht wichtiger werden als die Insassen, die nach diesem tollen Plan leben sollen. Kein großer Denker konnte bisher durch ein besonders dichtes Regelwerk gezüchtet werden. Die Gegenthese scheint richtig: Dort wo die Regeln mild, die Lehrenden offen, klug und gewitzt, wo der freie Wind guter Ideen weht, gerade dort erblüht das geistige Leben und die Zukunft von Wissen und Erkenntnis. Noch scheint sich das nicht vollumfänglich herumgesprochen zu haben. Der Weg des Eingeständnisses scheint versperrt und der Leidensdruck scheint nicht groß genug zu sein für eine Veränderung. Aber trotz allem, wird man ja wohl noch träumen dürfen. 

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